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Hocharn-Ostflanke
Nach der Rutschpartei

Die Harscheisen

Hermann Buratti

Jeder verantwortungsvolle Tourengeher sollte so ein Paar Harscheisen mitführen und vor allem auch benützen! Natürlich hatte auch ich solche „Geräte“ im Rucksack, weiß selbstverständlich auch genau, wann und wie man dieselben verwendet. Zwischen Wissen und Tun klaffen jedoch Welten. So kommt es halt, wie es kommen muss!

Der Hocharn strahlt im gleißenden Morgenlicht. Die Sonne ist schon so warm, also die Hemdsärmeln aufgekrempelt! Ein fantastischer Hang tut sich auf. Meine Kameraden montieren ihre Harscheisen und ziehen über beinharten Firn ihre Kehren zum Gipfel. Ich ziehe mit, aber ohne Eisen; ich habe ja fast neue Felle, wozu also die Harscheisen?

Je höher wir kommen, desto härter wird der Schnee. Plötzlich geht mir doch etwas der „Reis“ und ich entschließe mich, mitten im Steilhang, im Rucksack nach den Harscheisen zu suchen.

„Da sind sie ja!“ Ein Eisen stecke ich in die Spur, das andere fällt mir beim Montieren aus der Hand. Ein Tapper danach, ich verliere den Halt und schon geht’s dahin mit mir: kopfvoraus den Hang hinab.

Kleinigkeit für mich, denke ich. Einen Ski habe ich noch an und ich versuche gleich eine Drehung, um dann mit dem Talski zu bremsen. Bei dieser Aktion schlägt es mir die Bindung auf. Wie ein Skeleton-Pilot sause ich – den Gesetzen der Schwerkraft folgend – immer schneller den Hang hinab. Fieberhaft versuche ich, die rasante Talfahrt zu stoppen. Mit bloßen Fingern, die Handschuhe hatte ich natürlich auch ausgezogen, war da nichts zu machen. Ein Überschlag kommt wegen des hinten am Fangriemen hängenden Ski’s auch nicht in Frage. Verzweifelt bemühe ich mich, die Füße seitlich vor und nach unten, meinen Kopf nach oben zu bringen. Vergeblich! Die Fahrt geht kopfvoraus weiter. Mit den Skischuhspitzen bremse ich so fest es geht. Schon sehe ich den „Auslauf“. Gott sei Dank ohne herausragende Steine, Abbrüche etc. Ein schönes Kar liegt vor mir und zu meinem Glück hat die Sonne den Firn schon etwas aufgeweicht. Endlich gelingt es mir, meine Bauchfahrt zu stoppen. Ich rapple mich auf, besichtige meine ramponierte Figur und stelle keine größeren Schäden fest. Jedoch meine beiden Unterarme sehen, wegen der aufgekrempelten Ärmel, nicht besonders gut aus. Die Haut ist bis aufs Fleisch weggeraspelt. Da der Schmerz, wahrscheinlich wegen der „Vereisung“, erträglich ist, beschließe ich, zu Fuß wiederaufzusteigen. Schließlich stehen da oben noch ein Ski, der Rucksack und die Stöcke.

Inzwischen hatten meine Kameraden auch mitbekommen, dass einer fehlt. „Du“, schreit der Wolfi dem Vorausgehenden zu, „der Hermann ist abgestürzt“. „Wieso? Der war doch grad noch da!“ Da war aber nur ein Teil meiner Ausrüstung.

Am Gipfel werde ich notdürftig verarztet. Trotz der abgehäuteten Arme lasse ich mir den Ausblick auf den Großglockner & Co. sowie die herrliche Abfahrt nicht vermiesen.

 

Und die Moral von der Geschicht:
Vergiss die Harscheisen montieren nicht!
Berg Heil!

 

 

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