Dieter Aschauer Gedenktour 2016 27.-29.12.2016

3 Tage Abenteuer in den Stubaier Alpen  

Helmut Aschauer


Route:  Milders/Oberissalm – Franz Senn Hütte – Wildgratscharte (3.168m) – Amberger Hütte – Daunscharte (3.200m) – Stubaier Gletscher

Charakter:    3-tägige Gletscherschitour - 3.010 Höhenmeter - 28,52 km - Gehzeit ca. 15 Stunden

Teilnehmer:  Andi und Albert Erhart, Andi Niederbacher, Luggi Bergmann, Christoph Sterzinger (Gast), Seppl Steixner, Hemmi Aschauer, Reini Felder, Rainer Gschwentner, Markus Graser, Bernhard Goriup, Dieter Nagiller

Unsere alljährliche Dieter-Aschauer-Gedenk­tour hat längst fixe Stammteilnehmer. Wer Gefallen an spannenden Alpintouren in Verbindung mit geselligen Hütten- bzw. Winterraumabenden hat, freut sich schon monatelang auf diesen Tourenhöhepunkt am Ende des Jahres. Heuer sind noch ein paar Kameraden dazugekommen, die sich zum ersten Mal auf ein DAGT-Abenteuer einlassen. So besteigt um 9:05 eine ansehnliche Truppe von 11 Mann am Innsbrucker Hauptbahnhof den Linienbus nach Neustift/Milders.

Die zwei vorbestellten Taxi-Kleinbusse warten bereits bei der Haltestelle, als wir in Milders ankommen und bringen uns rasch zur Ober­issalm. Die Straße dorthin ist heuer aufgrund der dürftigen Schneelage ohne Probleme befahrbar. Nach dem Ausladen müssen die extrem schweren Rucksäcke geschultert werden, sind sie doch mit Verpflegung für eine Winterraum-Übernachtung sowie mit der Ausrüstung für hochalpine Gletschertouren prall gefüllt. Auch die Schi müssen jetzt noch auf den Rucksack, bis zur Franz Senn Hütte herrscht akuter Schneemangel.

Wir nehmen den Sommerweg, erfreulicherweise bewahrheitet sich die Warnung des Hüttenwirts nicht, dass man bereits für den Hüttenanstieg Steigeisen braucht. Der Weg ist zwar stellenweise vereist, lässt sich aber problemlos begehen. Trotzdem stellen wir fest, dass die Vereisung heuer unglaubliche Ausmaße angenommen hat, sämtliche Bachläufe sind zu Eisströmen erstarrt.

Nach eineinhalb Stunden stehen wir vor der Hütte und öffnen die Tür zu einem nagelneuen Winterraum, der sich in einem Nebengebäude befindet. Dank des eigenen Kleinkraftwerks wird hier auch im Winter Strom produziert, die Heizung läuft bereits, elektrisches Licht und Elektroherd sind vorhanden. Leider müssen wir gleich feststellen, dass sich entgegen der auf der Homepage angekündigten 12 hier nur 8 Schlafplätze befinden. Diverse Schlafkonstellationen und Kuschelvarianten werden bereits diskutiert.

Nach einem Bier zur Stärkung brechen einige von uns noch zu einer nachmittäglichen Wanderung Richtung Schafgrübler auf, ohne Schi natürlich. Diese Tour stellt sich zum Teil als sehr alpin heraus, muss doch gleich zu Beginn ein stark vereister Wasserlauf mit Steigeisen ausgesetzt gequert werden.

Das vorzügliche Abendessen bereiten Bernhard und Markus zu, Andi N. serviert. Bravo! Es gibt heute den Winterraumklassiker: zur Vorspeise Minestrone und als Hauptgang Spaghetti/Ragu mit grünem Salat. Diverse Weine werden verkostet, das eine oder andere Bier mundet ebenfalls. Plötzlich Lichter vor der Hütte, vier Tschechen (2 Mädels, 2 Jungs) tauchen aus der stockdunklen Nacht auf. Die Situation stellt ein mittleres Problem dar, ist ja der Raum mit uns 11 schon überfüllt. Wir bieten den Tschechen spaßhalber an, dass die Mädels dableiben können, die Jungs müssen leider wieder absteigen. Erfreulicherweise finden die vier eine alternative SchlafmöglichDer Abend verläuft sehr unterhaltsam und lustig, Luggis morgiger Geburtstag wird heute schon kräftig gefeiert, Bernhards Jagatee hält, was er verspricht. Auch die Tschechen und Innen sind inzwischen voll integriert, wir unterhalten uns bestens.

Der nächste Morgen beginnt daher für einige ein bisschen beschwert. Wir starten aber wie geplant um 9 Uhr Richtung Alpeiner Ferner, nun können die Schi endlich verwendet werden. Die Schneelage ist aber so dürftig, dass an ein hindernisloses Ausschreiten nicht zu denken ist. Zudem müssen wir noch unzähligen Eisgallen ausweichen. Erst beim Beginn des Gletschers bessert sich die Lage.

Vorbei an der Ruderhofspitze kommt unser Ziel, die Wildgratscharte (3.168 m), langsam ins Blickfeld. Nach knapp 4 Stunden stehen wir am Beginn einer 60 m hohen, sehr steilen Schneerinne, die auf die Scharte leitet.

Jetzt heißt es: Schi wieder auf den Rucksack, Steigeisen und Pickel heraus. Markus führt als erster durch gut 45° steiles Gelände in die Scharte und befestigt ein Fixseil, damit alle ohne Angst und Schrecken hinaufsteigen können.

Oben angekommen geht es noch steiler auf der Westseite hinunter zum Schwarzenbergferner. Hier erleichtern einige Drahtseile den Abstieg, einen nicht versicherten Abschnitt entschärft Markus wiederum mit seinem Seil.

Bis alle 11 Mann diese Schlüsselstelle überwunden haben, vergeht sehr viel Zeit, erst um ca. 15 Uhr können wir unsere Schi am Schwarzenbergferner anschnallen. Zu allem Verdruss entgleitet Rainer ein Schi und saust auf die Weiten des Gletschers hinaus. Dank Alberts scharfen Auges kann der Schi weiter unten gesichtet und geborgen werden, eine Abfahrt mit nur einem Schi wäre für Rainer äußerst mühsam geworden.

Wie erwartet verschlechtert sich die Schneelage nach dem Ende des Gletschers zunehmend. Wir können bis auf eine Höhe von 2.400 m abfahren, wobei unter „Abfahren“ in diesem Bereich vorsichtiges Vorantasten mit akustischer Begleitung häufiger Kratzgeräusche zu verstehen ist. Die letzten 300 Höhenmeter bis zum Talboden tragen wir unsere geliebten Schi wiederum, verschneite Felsblöcke und steiles Gras sowie verborgene Eisplatten verleihen diesem Abstieg eine besondere Würze. Ausnahmslos jeder von uns fällt einmal auf seinen Allerwertesten, Gott sei Dank ohne ernste Verletzungen. Das letzte Stück zur Amberger Hütte verläuft durch einen flachen Talboden, hier kommen die Schi wieder bestimmungsgemäß auf gutmütigerem Untergrund und zugefrorenen Bachläufen zum Einsatz.

Wir treffen bei Einbruch der Dunkelheit nach siebeneinhalb Stunden bei der Hütte ein. Diese ist bewirtschaftet, wir werden von Hüttenwirt Serafin und „Sonnenschein“ Simona herzlich empfangen und versorgt. Auch Dieter wartet bereits in der Gaststube auf uns, er ist von Zuhause direkt zur Amberger Hütte angereist. Alle sind heute ein bisschen angeschlagen, daher verläuft der Abend etwas ruhiger als der gestrige. Nach ausreichendem Abendessen und diversen Schnapsspenden von Serafin geht’s ab zur wohlverdienten Nachtruhe.

Am nächsten Tag ist wieder um 9 Uhr Aufbruch. Heute sind wir nur mehr 9 Tourengeher. Bernhard, Reini und Christoph wählen den Abstieg ins Tal. Wir übrigen steuern auf den riesigen Sulztalferner zu, über den wir auf die Daunscharte gelangen wollen.

Wieder beginnt der Aufstieg mit einer stein- und eisdurchsetzten Schneedecke, heute aber wesentlich harmloser als gestern. Nach gut 2 Stunden rasten wir in der Sonne beim Beginn des Gletschers, am Fuße der Wilden Leck.

Da wir heute ein paar Spaltenbereiche überqueren müssen, seilen wir an. Trotz des Schneemangels sind die Spalten gut eingeschneit, wir kommen ohne Probleme über weitläufige Gletscherflächen an den Fuß der steilen Daunscharte. Ein letztes Mal werden die Schi am Rucksack montiert, wir stapfen die restlichen 100 Höhenmeter hinauf und überschreiten den Kamm etwas oberhalb der Daunscharte auf 3.200 m. Oben empfängt uns kalter Wind und ein kurzer steiler Abstieg zur Bergstation des Schiliftes „Daunscharte“ der Stubaier Gletscherbahnen. Die Einsamkeit der vergangenen drei Tage hat sich urplötzlich in Wintersporttrubel mit tausenden Schifahrern verwandelt.

In Restaurant Gamsgarten stärken sich die meisten mit Schnitzel und Bier, anschließend besteigen wir die Gondelbahn und lassen uns bequem ins Tal bringen. Im überfüllten Bus fahren wir um 16 Uhr Richtung Innsbruck, wo wir eineinhalb Stunden später müde aber zufrieden ankommen. Eine große Reise der besonderen Art, gefüllt mit intensiven Erlebnissen und bester Kameradschaft, geht zu Ende. Die Heimkehrer freuen sich jetzt auf ganz unterschiedliche Dinge. Genannt werden: gutes Essen, Tirol Heute, die Badewanne, das eigene Bett, die Kinder und auch der in zwei Stunden beginnende Wettersteiner-Vereins­abend. Ob auch die eigenen Frauen dabei erwähnt wurden, entzieht sich der Erinnerung des Erzählers.

 

 

 

 

 

 

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