Helmut Aschauer, 20. Juli 2013 

Ein bisschen Spatzi in acht Etappen

 

Das Oberreintal mit seinem festen Fels und seinen lotrechten Wänden lockt jeden Kletterer einmal in diesen entlegenen Winkel auf der Nordseite des Wettersteingebirges, so auch eine kleine Untergruppe der „Sektion Klettern“ der Alpinen Gesellschaft Wettersteiner am 20. Juli 2013: Hermann, die Legende, Mr. Vice-President Mäx, Berni Goriup und meine Wenigkeit. „Entlegen“ bedeutet gleichzeitig „weiter Zustiegsweg“. Ich mache am vorhergehenden Vereinsabend meinen Tourenkameraden diesen Zustiegsweg schmackhaft mit den Worten: „Wir gehen vor dem Klettern ein bisschen Spatzi!“ Aus diesem bisschen Spatzi sollte sich ein 13-stündiger Alpin-Triathlon, bestehend aus den Disziplinen Mountainbike, Fußmarsch bis Schwierigkeitsgrad II und Alpinklettern entwickeln.

 

Aber der Reihe nach: Die Etappe 1 beginnt beim Olympia-Schistadion Garmisch, wo wir – bepackt mit der ganzen Kletterausrüstung – um 7 Uhr Richtung Reintal starten. Erlebnisreich geht’s zuerst auf engem Fußweg durch die wildromantische Partnachklamm und später über Forstwege in einer guten Stunde bis zur Abzweigung ins Oberreintal, wo wir die Räder deponieren.

 

In Etappe 2 führt uns ein serpentinenreicher Steig hinauf ins Paradies für Kletterer, zur Oberreintalhütte. Ca. 15 min vor der Hütte wird man durch ein Schild aufgefordert, von einem dort befindlichen Stapel ein Holzscheit zur Hütte mitzunehmen. Das Problem ist nur, ein solches Holzscheit (es ist wirklich kein „Scheitel“) wiegt rund 15-20 kg. Aber man will ja auch Gutes tun im Leben und so mühen wir uns die letzten 100 Hm mit jeweils einer Zusatzlast hinauf. Dies hat den Vorteil, dass einem der schwere Kletterrucksack nach dem Abwerfen dieser Last bei der Hütte plötzlich wieder leicht vorkommt.

 

Auf der ausgesprochen nett bewarteten Hütte belohnen wir uns nun für die Aufstiegsmühen mit einer Flasche Hacker-Pschorr, bevor wir den Zustieg (nun in Etappe 3) fortsetzen. Über teilweise IIer-Gelände geht es über eine Steilstufe ins Scharnitzkar, wo uns schließlich eine Schotterreiße zum Einstieg unserer Klettertour hinaufführt. Bis hierher, wo wir die Rücksäcke zurücklassen, sind wir nun bereits über 4 Stunden „Spatzi“. Jetzt beginnt der Hauptteil des Tages, die Klettertour: Ziel ist die Ostverschneidung auf den Nördlichen Oberreintalkopf (2.260 m), eine wie mit dem Lineal gezogenen Linie im durchgehend oberen 4. Schwierigkeitsgrad.

 

Wir bilden zwei Zweier-Seilschaften, Hermann und ich sowie Berni und Mäx. Schnell finden wir einen guten Kletterrhythmus, wir ziehen Seillänge um Seillänge durch die meist senkrechte Riesenverschneidung in festem Fels höher. Um 15 Uhr ist diese Etappe 4 geschafft, wir reichen uns auf einem spitzen Gipfelzacken ohne Kreuz die Hände zum Berg Heil.

 

Völlige Entspannung darf aber noch nicht ausgerufen werden, der Abstieg von diesem steilen Zahn ist nicht gerade flach und beginnt mit einem kühnen Abseiler hinunter ins Schrofengelände, für den wir ein Kevlarschnürl opfern müssen. Zu spät bemerken wir den betonierten Abseilring. Über Schrofen und steile Wiesen geht’s in Etappe 5 hinunter ins Scharnitzkar zu den Rücksäcken, in Etappe 6 dann zurück zur Oberreintalhütte, wo wir um 17:30 zufrieden, aber ausgesprochen durstig, eintreffen.

 

Wieder werden einige Hacker-Pschorr-Flaschen geleert, ehe wir den Hüttenabstieg (Etappe 7) und den anschließenden Rückweg mit den Radln (Etappe 8) in Angriff nehmen. Diese letzte Etappe ist garniert mit einigen Gegenanstiegen, sodass der Kreislauf noch einmal ordentlich in Schwung kommt. Es ist schließlich bereits 19 Uhr, als wir unsere müden Füße im Gasthaus des 1936 erbauten Schisprung-Stadions ausstrecken. Mäx meint, dass nun eine halbe Bier für ihn nicht mehr ausreicht und bestellt – wir sind ja in Bayern – gleich eine Maß. Bei Wiener Würstchen und ein paar weiteren Durstlöschern betrachten wir den Tag noch einmal zufrieden nach: 1.600 Aufstiegshöhenmeter, 16 km mit dem MTB, 8 km zu Fuß und 11 Seillängen Klettertour wurden in den vergangenen 13 Stunden bewältigt, man kann sagen, ein ziemlich ausgedehnter „Spatzigang“.

 

Alle haben sich großartig geschlagen, ein anstrengender, aber erlebnisreicher und sehr lustiger Tourentag geht nach der Heimreise um 22 Uhr seinem Ende zu. Eine besondere Anerkennung verdient unser Ehrenmitglied Hermann, der diese anspruchsvolle Riesentour mit seinen 74 Lenzen ohne Wimpernzucken gemeistert hat!

 

 

<-- Zurück zu den Sommertouren