Salbit Westgrat

Salbitschijen, 2981 m

Urner Alpen

 

Helmut Aschauer, 21.- 23.8.2015

 

 

„32 Seillängen fantastischer Gratkletterei über die märchenhaften Westgrattürme zur Gipfelnadel. Der rötlich raue Granit lässt keine Wünsche offen. Trotz der Bohrhaken wurde der alpine Charakter beibehalten; die Kletterei bleibt ein großes Unternehmen“ aus: Hans Berger u.a. – „Salbit erleben“ „ Die 12-Stunden-Klettertour im Granit des Salbitschijen-Massivs gehört mit zu den kühnsten Führen dieses Buches … Am Abend erreicht man bei sinkender Sonne den Gipfel von Berg und Erlebnis.“ aus: Walter Pause – „Im extremen Fels“. Mit diesen zwei Zitaten ist eigentlich schon alles gesagt, es bleibt mir nur noch zu erwähnen, welche Akteure sich dieses kühne Abenteuer in den Kopf gesetzt haben: ein junger und ein fast schon alter Wettersteiner…

 

 

 

Am Freitag, 21.8.2015 machen sich Gregor und ich auf den Weg in den Kanton Uri ins wunderschöne göschenental. Vom Parkplatz Ulmi steigen wir knapp 1.000 Hm zur Salbithütte auf, die vom oben erwähnten Hans Berger bestens bewirtschaftet wird. Hans Berger ist nicht nur Jahrzehnte langer Hüttenwirt, Gebietskenner und Routenerschließer im Salbitmassiv, er erzählt uns auch, dass er schon 1972 gemeinsam mit dem Tiroler Werner Haim an der damaligen Everest-Expedition teilgenommen hat.

 

 

Der Wecker klingelt um 04:00, eine halbe Stunde später sind wir unterwegs. Außer uns beiden brechen noch 2 weitere Burschen Richtung Westgrat auf. Dank der neu errichteten Salbitbrücke, einer 90 m lange Hängebrücke, die einen wilden Graben spektakulär überspannt, erreichen wir den Einstieg in einer guten Stunde. Wir steigen als zweite Seilschaft ein, die beiden anderen erweisen sich als ausgesprochen schnelle Kletterer, deren Tempo wir nicht mithalten können. Schon die erste Seillänge verlangt bei freier Kletterei den 7. Schwierigkeitsgrad und gibt einen Vorgeschmack auf das, was den Bewerber in den nächsten 31 Seillängen erwartet: steiler, eisenfester Granit, spärlich abgesichert mit anhaltenden Schwierigkeiten.

 

 

Gregor meistert diese 1. Seillänge souverän in freier Kletterei, ich betrachte hingegen die vorhandenen Haken auch als Griffe und erleichtere mir dadurch diese Stelle ein wenig. In den nächsten 10 Stunden gilt es, insgesamt 5 Grattürme zu erklettern, um von diesen in meist vogelfreier Abseilfahrt auf der Rückseite wieder herunter zu kommen. Vielfach klettern wir in Rissen wie zum Beispiel am zweiten Turm durch den sogenannten Holz-keilriss (VI+) oder am vierten Turm durch einen glatten Körperriss, aber auch Platten und ausgesprochen ausgesetzte Gratstücke sind dabei.

 

 

In nahezu jeder Seillänge ist für die Absicherung zwingend selbst mit mobilen Sicherungsmitteln zu sorgen, Gregors Camelots und Klemmkeile leisten beste Dienste. Zum Entspannen bieten sich manchmal nur die flachen Gipfelabdachungen der Türme an. Wir treffen auch immer wieder auf vorbereitete Biwakplätze, schafften es wohl viele Seilschaften nicht, den Grat in einem Tag zu erklettern. Das beste Biwak befindet sich in der Scharte zwischen 4. und 5. Turm, ein bequemer überdachter Platz, der liebevoll als „Hotel Salbit“ bezeichnet wird. Auch wir müssen immer wieder nachkalkulieren, ob wir den Gipfel noch bei Tageslicht erreichen können, eine kalte Nacht im „Hotel Salbit“ erscheint uns nicht besonders attraktiv.

 

 

Nach dem 5. Turm erreichen wir endlich den letzten Grataufschwung zum Gipfel (wir sind nun schon über 11 Stunden beim Klettern), der nochmals mit recht delikaten Seillängen aufwartet: Da ist alles dabei, vom Pendelquergang, einer A0 Platte mit sehr weiten Hakenabständen bis hin zu einem steilen, messerscharfen Gratstück in Seillänge Nr. 30, das in kühner Freikletterei zu überwinden ist. Hier werden vom Vorsteiger – in unserem Fall ist es Gregor – nochmals eiserne Nerven und gefestigtes Kletterkönnen gefordert. Dann ist der Weg zur 15 m hohen Gipfelnadel frei, um 19:15 Uhr - nach genau 13 Stunden Kletterzeit - sind wir beim Gipfelbuch, das am Fuße der Nadel befestigt ist. Jetzt kommt endlich leichte Entspannung auf, wir beglückwünschen uns gegenseitig und müssen uns eingestehen, dass dies für jeden von uns beiden bis dato die anspruchsvollste und längste Klettertour seines Lebens war.

 

 

Es hat bereits etwas eingetrübt, Wolken ziehen umher, zum Glück hat uns der Regen verschont. Gregor besteigt noch die Nadel, ich schieße ein paar Fotos, ein stolzes Wettersteiner-Pickerl kommt ins Buch, dann geht’s schnurstracks hinunter Richtung Hütte. Punkt 21 Uhr, noch ohne Stirnlampe, öffnen wir die Hüttentür und stellen die Rucksäcke ins Eck. Die Wirtsleute gratulieren uns herzlich und wärmen für uns das komplette Abendmenü nochmals auf, Gregor bekommt sogar eine extra Bratwurst. Auch Bier ist erfreulicher Weise noch erhältlich, ab 22 Uhr muss es allerdings bei Flüsterunterhaltung getrunken werden. Aber was soll’s, wir haben gerade den Salbit-Westgrat durchstiegen, da genießt man einfach das Bier und lässt das Erlebte langsam einsickern.

 

 

Nach einer erholsamen Nacht und einem Frühstück mit rässem Bergkäs steigen wir in der Morgensonne zum Auto ab und treten anschließend die Heimreise an. Wir blicken stolz und zufrieden auf ein einzigartiges Abenteuer zurück, das sowohl in klettertechnisch-alpiner wie auch in mentaler Hinsicht hohe Anforderungen an uns stellte.

 

 

Zwei Dinge wissen wir heute sicher: Wir werden morgen nicht klettern gehen und wir werden uns heuer keine weitere Klettertour mit mehr als 30 Seillängen vornehmen!

 

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