Bilder:

Am Gipfel, ein großes Ziel ist erreicht
Ausstieg auf die Nordkante
Die letzten Meter
Die Schlüsselstelle
In den schönen Plattenseillängen

Piz Badile NO Wand, Cassin

Helmut Aschauer

Wir, das sind (Kleider Mair)-Börni und ich, sitzen bei Gerstlsuppe und einem halben Liter Rotwein in der Gaststube der Sass Furä Hütte, es ist ausnahmsweise relativ ruhig, leichte Spannung liegt in der Luft. Insgesamt drei Seilschaften befinden sich im Raum, die sich morgen an einem der bekanntesten Klassiker des sechsten Grades, der Cassin am Piz Badile, versuchen wollen, zwei Engländerinnen, zwei Spanier und eben wir zwei Tiroler. Es ist bereits Mitte September 2006, der Herbst steht vor der Tür, aber eine ausgeprägte Hochdruckwetterlage lässt noch einmal fast sommerliche Temperaturen erwarten und auf einen Erfolg bei dieser großen Klettertour hoffen.

Am nächsten Tag starten wir um 4:20, knapp zwei Stunden später sitzen wir in der Morgendämmerung am Fuße der Nordkante und blicken hinüber in die NO-Wand, eine 800 m hohe Plattenflucht aus kompaktem dunklen Granit. Die beiden UK-Girls sind schon da, die Spanier kommen gerade an. Wir ziehen die Klettergurte an, und ich bemerke zu meiner Bestürzung, dass ich meinen kompletten Satz Stopper im Auto vergessen habe. Aber die Friends hab ich wenigstens mit und von den Spaniern bekommen wir 2 kleine Keile geliehen, das muss reichen. Wir queren nun auf einem Band seilfrei in die Wandmitte hinein (eine Stelle 3), wo sich der Einstieg befindet. Während sich die Engländerinnen durch den Rébuffat-Riss (Einstiegsvariante) hocharbeiten, nehmen wir den Originaleinstieg, der dem Bewerber mit V+ gleich einen Vorgeschmack auf die klettertechnischen Schwierigkeiten verschafft. Da uns diese erste Seillänge überraschend problemlos erscheint, gibt es keinen Grund für weiteres Zögern. Über von Rissen durchzogene geneigte Platten klettern wir bis zum Beginn der fünften Länge, wo die erste 6er-Stelle wartet.

Nach einem Verhauer (wir folgen zuerst einigen Haken gerade nach oben, anstatt weiter nach links zu queren) „schleichen“ wir voran über glatte, aber sehr raue Platten, nur die beiden englischen Mädels vor uns bremsen uns etwas ein. Wir beschließen, sie bei nächster Gelegenheit zu überholen. Diese bietet sich am Ende des ersten Wandabschnittes im leichteren Gelände, wir ziehen am laufenden Seil an ihnen vorbei und übernehmen die Pole-Position in der Wand. Der zweite, mittlere Wandabschnitt bietet gleich zu Beginn die Schlüsselstelle der gesamten Tour, eine Verschneidung im oberen sechsten Grad. Wir sind bereits gut eingeklettert, und so bereitet diese Seillänge weder Börni noch mir besondere Schwierigkeiten, es läuft einfach genussvoll dahin.

Die Absicherung ist für unsere Begriffe gut, die Standplätze sind meist mit zwei Bohrhaken ausgerüstet und in den schwierigeren Stellen stecken genügend Normalhaken. Die Gletscherspalten des Cengalogletschers unter uns werden nun immer kleiner, der Abstand zu den nachfolgenden Seilschaften vergrößert sich zusehends.

Wir klettern jetzt bereits im oberen Drittel durch die markante Kaminreihe. Diese beinhaltet nochmals eine knackige Seillänge, den sogenannten „Wuzelkamin“: Ein V-förmiger Kamin, den wir an seinem äußeren Rand hochspreizen. Da kaum Griffe und Tritte vorhanden sind, muss man alles auf Reibung gehen - servus die Wadln, kann man da nur sagen. Doch Börni, der gerade zum Führen dran ist, meistert auch diese Schwierigkeit ohne Wimpernzucken.

Bald darauf ist es geschafft, die letzten Seillängen zum Gipfel verlaufen über die Nordkante, wo gerade eine deutsche Seilschaft heraufkommt, die zugleich mit uns eingestiegen ist. Die Freude am Gipfel ist riesengroß, aber noch ist es zu früh zum Jubeln. Auch der Abstieg über die Südflanke, bei dem man sich keinen Fehltritt leisten darf, muss noch bewältigt werden.

Nach weiteren zweieinhalb Stunden Abklettern und Abseilen ist die Tour endgültig zu Ende, wir erreichen die Gianetti-Hütte auf der italienischen Seite und genießen zwei Birre Moretti auf der Hüttenterrasse. Erst jetzt realisieren wir langsam das Abenteuer „Cassin“, das gerade hinter uns liegt. Bei hervorragendem Abendessen und hauseigenem, ziemlich säuerlichem Rotwein gehen wir die Klettertour nochmals in Gedanken durch, die aus überaus festem und herrlich rauem Fels besteht, meist in etwas geneigtem, selten ganz senkrechtem Gelände verläuft, häufig mit guten Griffen - vor allem an Schuppen - ausgestattet ist und daher relativ wenig Kraft in den Armen erfordert. Für uns beide ein bergsteigerischer Höhepunkt der Extraklasse.

Am nächsten Morgen weckt uns das gleichmäßige Plätschern des Regenwassers, das auf das Hüttendach klatscht. Da gibt es nur noch den geordneten Rückzug, wir steigen ins Val Masino nach Süden ab. Gemeinsam mit vier anderen Bergsteigern organisieren wir uns ein Taxi, das uns nach eineinhalbstündiger Fahrt für die Kleinigkeit von insgesamt € 150,- zurück zu unseren Autos auf die Schweizer Seite bringt.

 

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