Bilder:

Willy's (ganz links) 1. Ausflug mit den Wettersteinen am Patscherkofel
Scheran Willy an seinem 90. Geburtstag
Becherhaus

Mein erster Dreitausender

Von Willy Scheran

Im April 2007 verstarb Willy Scheran im 92. Lebensjahr. Willy war 70 Jahre lang Vereinsmitglied, Ehrenmitglied und langjähriger Vizeobmann. Seit seinem Vereinsbeitritt im Jahre 1937 standen beim ihm die Wettersteiner an vorderster Stelle: Neben der gemeinsamen Bergsteigerei druckte er für den Verein Mitgliederverzeichnisse, sämtliche Einladungen und Briefpapier, führte bei vielen Zusammenkünften ein Anwesenheitsbuch mit lustigen Zeichnungen und schönen Bergmotiven, erzählte und schrieb Geschichten aus seiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit und von seinen Erlebnissen im Hohen Norden während des 2. Weltkrieges. Trotz des Altersunterschiedes - Willy war 20 Jahre älter als die nächstältesten Wettersteiner - gehörte er nicht einer anderen Generation an, sondern war im Herzen und im Geiste jung geblieben. Besonders hervorzuheben ist seine edle Einstellung: Für ihn war die Mitgliedschaft im Verein mit der Verpflichtung verbunden, aktiv Beiträge für ein blühendes Vereinsleben zu leisten. Dabei scheute er keine Mühe, selbst in hohem Alter versorgte er die Vereinschronik noch mit Erlebnisberichten und Fotos. Seine vornehme und kameradschaftliche Gesinnung wird uns weit über seinen Tod hinaus Vorbild und schöne Erinnerung sein.

Im folgenden erzählt er uns, wie er als 16jähriger Bub zum ersten Mal die 3.000 m Grenze überschritten hat:

Es war 1932, die alten Wettersteiner saßen am Donnerstag beim Clubabend beisammen und redeten vom Wochenende. Zwei davon, Karl Rolke und Franz Dinkhauser, die öfter miteinander auf den Berg gingen, meinten, wir übernachten auf der Nürnberger Hütte und gehen am nächsten Tag auf den Becher. Da brauchen wir keine Steigeisen, keine Pickel, kein Seil, nichts, nur gehen. Mein Vater hörte dies, wie er mir später erzählte, und fragte: “Könnt´s es da nit mein Bubn mitnehmen?“ –„Ja, wenn er´s dageht?“ –„Ja, gehen tut er gut!“ Also wurde es abgemacht.

Abends daheim berichtete er mir davon. Ich bat meinen Vater um einen Zuschuß, denn mit meinen normalen Finanzen war die Tour nicht zu bemächtigen. Das sah er ein und gab mir 10 Schilling zum obligatorischen Samstag-Schilling dazu. In der Schule gab ich an wie zehn nackte Neger. „Ma, der Willy geht auf einen Dreitausender“, das war das Tagesgespräch und ich sonnte mich an ihren Diskussionen.

Am Freitag war ich pünktlich bei der Stubaitalbahn, begrüßte die beiden, während sie wohlwollend meine langen Haxen betrachteten. Dann gings zum Schalter, wo mir  Herr Dinkhauser sagte: „Du musst retour nehmen, weils dann billiger ist!“ Aha, eine Erbswurstsuppe weniger. Ich war damals im 2. Lehrjahr, bekam als Lohn Schilling 10.50, wovon mir meine Mutter 5 Schilling abknöpfte für Kost und Quartier, wie es der große Familienrat einmal ohne mich beschlossen hatte. Man kann sich also denken, dass die sofortige Umrechnung in Erbswurstsuppen an der Tagesordnung stand.

Überraschend rüstig gingen es die beiden an, zuerst etwas eben, aber dann ging es hinauf und das ziemlich lange, wie es mir vorkam. Ich immer 2 Schritte hinter ihnen, denn abhängen ließ ich mich nicht! Auf der Nürnberger-Hütte angekommen bestellten die beiden Zimmer mit Bett! Ich habe am Dachboden im Matratzenlager herrlich gut geschlafen. Am nächsten Morgen fragte mich die Kellnerin „Frühstück?“ Mit etwas Bauchweh sagte ich ja. Es gab eine Tasse Kaffee, eine kleine Schnitte Schwarzbrot und ein kleines Eckchen Butter. Ach, das kann so teuer auch nicht sein! Und dann ging’s bergauf. Auf der ausgehängten Hüttenkarte hatte ich mich schon orientiert, da ging ein Weg zum Becher, 3.190 m, und daneben stand das Kaiserin Elisabeth – Schutzhaus. Oh! Ob man da überhaupt hineingehen darf? Mit diesen Überlegungen waren wir auf der Freigerscharte angekommen und ich sah eine ebene Gletscherfläche und links drüben eine Hütte. „Ja, wo ist denn jetzt da der Becher?“ Die beiden zeigten lachend mit dem Zeigefinger auf den Boden. „Da, du stehst ja schon lang drauf!“ Ich stand starr da, wie vom Blitz getroffen: kein  Gipfel, kein Gipfelkreuz, nichts, „nit amol a Berg!“ Wenn ich mich nicht so geschämt hätte, vor den ehrwürdigen Gründungsmitgliedern, ich hätte am liebsten losgeheult wie ein Schlosshund! Nicht einmal rasten kann man, wegen der vielen Schneeflecken überall. Herr Rolke erklärte mir, die Hütte wurde geplündert! 2 Matratzen lagen vor dem Eingang im Schnee halb eingefroren, die Hüttentür hing an einer Angel etwas schief an der Wand und drinnen lag alles Schnee, den der Wind hineingeweht hatte. Nur eine selbstgeschriebene Blechtafel über der Hüttentür verkündete: Refugio Regina Elena. Keine schöne Zuwendung für die italienische Königin!

Überraschend schnell hatten meine zwei Bergsteiger die Richtung gewechselt, sie waren bereits unterwegs hinab zur Nürnbergerhütte. Ich lief ihnen voraus, zum ersten Mal, denn sonst ging ich ja immer 2 Schritte hinter ihnen. In der Hütte angekommen, bestellte ich mir eine Erbswurstsuppe und ein großes Schiwasser. Ich musste ja dieser ungeheueren Enttäuschung etwas entgegensetzen, geht’s krumm oder grad! Als man zum Abstieg rüstete hat mich die Kellnerin auch sicher so eingeschätzt, dass sie von dem Buam mit Matratzenlager und Schiwasser und nur einer Erbswurstsuppe sicher kein größeres Trinkgeld zu erwarten habe. Und sie hat mich richtig eingeschätzt, ich gab ihr nichts, denn es ging gerade mal so aus und ich war heilfroh, daß ich die Fahrkarte nach Innsbruck schon in der Tasche hatte!

Beim Abstieg gab es immer wieder frisches Quellwasser zu trinken. Und in der Stubaitalbahn begann ich meine Proviantdose genüsslich zu leeren. Etwaige missbilligende Blicke der Fahrgäste oder dem Bahnpersonal habe ich einfach übersehen! Beim Aussteigen am Bahnhof habe ich mich höflich verabschiedet und für die Führung bedankt, “ja , isch scho recht“! Und dann bin ich schnell nach Hause gelaufen und meiner Mutter direkt in die Arme. „Nacha, hasch die anständig benommen?“ „Ja“ „Nit ,dass ma sie schamen muß?“ „Na!“ Und halt so das Übliche. Erst Abends, als Vater nach Hause kam, überfiel ich ihn mit meiner Enttäuschung. Er wehrte alles ab, weil er das von der Hütte nicht ahnen konnte und übrigens, warum ich mich so aufrege, ich sei doch über 3.000 Meter hoch gewesen, daran gibt’s nichts zu rütteln. „Ja, aber…“, ich schloss die sicher nutzlose Debatte ab. In der Schule versuchte ich es mit Vaters Argumenten, aber ich kam mir vor wie ein Politiker, der nach einer schlechten Wahlrede jetzt auf die Buh-Rufe wartet. Sie hänselten mich noch lange, ich war alpin gesehen, einfach unten durch!

 

 

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