Bilder:

Luftiges Höhersteigen ist angesagt
Der erste Gratzacken
Herrliche Urgesteinskletterei
In den steilen Platten
Nachtlager auf der Bodenalm

Grundschartner-Nordkante, Himmelsleiter im Zillertal

Ossi Miller

Otti Wiedmann zählt in seinem Buch „Auf steilen Wegen in Tirol“ die Kante des Grundschartners ohne zu zögern zu den drei schönsten der Alpen. Meine bescheidene „Rangliste“ zielt über Tirol und das Urgestein nicht hinaus, daher heißen meine „Großen Drei“: Brunnenkogl-Kante, Fußstein-Kante und eben die Grundschartner-Nordkante. Emporgeturnt bin ich leider an keiner davon, ich kenne sie nur aus der Alpin-Literatur und aus meinen Träumereien. Mein Freund und Seilpartner Helli Aschauer war vor Jahren mit Michl Hinterwaldner am Fußstein und am Brunnenkogl unterwegs. Am Gipfel des Grubreisen-Südturmes, nach gelungener Formüberprüfung am Südgrat, plaudern wir über zukünftige Fahrtenziele. So fällt es mir nicht schwer, Helli für die schönste Zillertaler Klettertour als Seilspetzl zu gewinnen. Unsere Begeisterung für diese Idee lassen wir auch auf Christian Schartner und Wolfi „Slick“ Schauer überspringen und bald haben wir vier einen Termin fixiert. Das herrliche Augustwetter steigert unsere Motivation noch zusätzlich.

Am Freitag, 7. August 1992, treffen wir uns abends nach der Bude in Häusling an der Ziller. Um nicht selbst die Tragtiere unserer wieder einmal viel zu schweren Rucksäcke zu sein, schicken wir sie mit der Materialseilbahn aufwärts. Wir sausen leichtfüßig in der Dämmerung in 40 Minuten auf die Bodenalm und organisieren beim Senn Bier und Heulager, was gar nicht leicht ist beim Andrang an Nordkantenaspiranten. Während draußen mehrmals ein Wettersturz ums Haus tobt und schwerer Regen auf das Blechdach niederbrasselt, hocken wir um den Schein einer Kerze herum und lassen uns vom Rotwein die Zunge lockern und das Gehirn betäuben. Später kuscheln wir uns wie satte Frischlinge in den Pfurzmulden des molligen Heulagers immer tiefer. Die süßen Träume werden mit gschmachigen Winden, Rülpsern und sägendem Aufschnarchen gepfeffert.

Ein fantastischer Morgen lacht in unsere Heukeusche und lockt uns hinaus auf die taufrische Wiese. Unsere verschlafenen Augen weiten sich erstaunt beim Blick auf die Kante, die sich stolz aus dem Morgennebel aufwärts reckt. Rasch gefrühstückt und schon eilen wir im Talgrund einwärts. Eine schweißtreibende Rinnenschlucht führt uns zu sonnenbeschienenen Matten und zum schottrigen Fundament der Kante. Nach zwei Stunden haben wir den Einstieg, ein bequemer Kantenabsatz, erreicht.

Das zweite Frühstück und eine erleichternde Entleerung werden fällig. Aus Platzgründen der Reihe nach übereinander, dazwischen legen wir kleine Steinplatten. Das Ergebnis schaut aus wie ein riesen „Big-Shit-Mäc“.

Klettergürtel anziehen, Seil einbinden, Helm aufsetzen, Karis klimpern und wir ziehen los, Wolfi mit Christian, Helli mit Ossi. An einem zerrissenen waagrechten Grat hanteln wir uns teils auf der rechten, teils auf der linken Seite, einmal auch auf dem Allerwertesten reitend, ausgesetzt zu einem dunklen scharfen Zacken. Heikel klettert man 5 Meter in ein winziges Schartl hinunter. Dort tanzen wir uns während dem Umhängen des Seiles gegenseitig auf den Zehen herum. Ein schöner Plattengrat führt zu einem herrlichen Riss, den Helli mit einem „Friend“ absichert. Ich verdrehe meine Füße im Riss, klemme meine Handflächen hinein und gleich meinen Vorbildern aus dem Yosemite turne ich elegant höher. Der graubraune Granit ist hier einfach traumhaft. Durch die etwas brüchige Ostflanke umgehen wir den großen Kantenaufschwung. Als uns die zwei Seilschaften vor uns steinige Grüße von oben schicken, ändert Helli flink den Kurs und wir befinden uns wieder in der Originalkante.

Während die anderen die Flanke abräumen, genießen wir einen phänomenal schönen Piazriss, für uns die schönste Stelle der Tour. Wo hatten wir schon mal eine so grandiose Länge? Wir freuen uns rießig über die herrlichen Mt. Blanc Kletterstellen. Leichtes Klettern bringt uns an der Kante schnell höher. Der Blick nach Norden wird weiter, ein Traumtag! Über Platten umgehen wir einen kleinen Aufschwung in der Westseite. Ein Klemmkeil bekommt Flügel, landet auf einem schmalen Felsband. Heroisch führe ich den Keil in Hellis Sortiment zurück.

Der 40 Meter Quergang lockt uns in eine brüchige Nische mit Standplatz an fünf Hacken, die alle wackeln wie Großmutters Zähne. Die gebogenen abgesprengten Gneistafeln sind noch etwas knifflig. Trickreich schleichen wir über den porösen Fels zum losen Blockwerk des Gipfelaufbaus. Traumhaft der letzte Blick hinunter auf die im Nachmittagslicht heraufsteigende Kante.

Entspannt sitzen wir neben dem Gipfelsignal, der Rest unserer Getränke tropft durch ausgetrocknete Kehlen. Unser Traum wurde erfüllt, ist aber noch nicht zu Ende. Die Schatten werden länger und hinab zum Bier sind´s noch 1800 Höhenmeter. Wenige Schritte unterm Gipfel ein Abseiler und über Schneefelder und Moränenschotter sausen wir zu einem Gletscherschliff, den wir abseilend bewältigen. Zur Kainzenalm legen wir eine Variante ein, da der Weg anscheinend zu bequem ist. Eine senkrechte Wiese stolpern und rutschen wir nieder, hauen uns Knie und Füße an versteckten Felsbrocken im hohen Gras wund! Wie die Lahmen humpeln wir den Sundergrund hinaus zum Wirtshaus in der Au.

Auf der Veranda unter aufziehendem Sternenhimmel gönnen wir unseren Mägen Schnitzel und Radler und plaudern über die großartige Tour, die wie vier zusammen erleben durften.

Mit Respekt denken wir an Peter Aschenbrenner, den Himalaya-Peter, der heuer 90 Jahre alt wurde und 1928 diese tolle Tour an der Kante, zusammen mit Willy Mayr, der1931 an der Nockspitze verunglückte, eröffnete.

Unseren Helli freuts besonders, da er nun „unsere“ großen Drei des Tiroler Urgesteines erklommen hat. In der Serie „Erlebte Träume“ konnten wir eine weitere schöne Fortsetzung zustande bringen! Hoffentlich gelingt es uns, im Kreise der „Alpinen Gesellschaft Wettersteiner“ und unserer Freunde, noch viele Hirngespinnste und Träume aus dem Kopf in „Gelebte Träume“ zu verwandeln! Aber heute freuen wir uns nur mehr noch auf die Badewanne und das Daunenbett!

 

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