Routenverlauf
Am Beginn des schwierigen Teiles
Steiler Fels
2 Kletterer in der Hasse-Brandler
Im 27 Meter Quergang
BeimAusstieg am Ringband

25. August 2012, Aschauer Helmut

 

 

Sie ist eine der großen Nordwände der Alpen, eine vielgerühmte Klettertour, die damals bei der Erstbegehung durch Emilio Comici und die Gebrüder Dimai anno 1933 wie auch heute noch viel Beachtung findet und nach wie vor ein heiß begehrtes Ziel innerhalb der alpinen Klettergemeinde darstellt: Die „Comici“ durch die Nordwand der Großen Zinne. Mit einer Kletterstrecke von gut 500 m, davon die Hälfte in senkrechtem bis überhängendem Fels und anhaltenden Kletterschwierigkeiten im 6. Grad steht dieses alpine „Denkmal“ auch bei mir schon einige Zeit ganz oben auf meiner Tourenwunschliste.

Bei uns Wettersteinern wurde die „Comici“ erst einmal begangen, und das liegt schon etliche Jahre zurück: Damals, Ende August 1959, stiegen Hermann Buratti und Edi Weber, erst 20 Jahre jung, unerschrocken in die Nordwand ein und rangen dieser Kletterroute – nach einem eisigen Wandbiwak – eine frühe Begehung ab. Heute, fast auf den Tag genau 53 Jahre später, finde ich in meinem Sohn Felix einen ebenfalls begeisterten Partner und Aspiranten für dieses große Vorhaben. So fahren wir am 24. August 2012 nachmittags zur Auronzohütte und verbringen am Parkplatz neben dem Auto eine etwas windige Nacht in unseren Schlafsäcken.

Um Punkt 4 Uhr klingelt der Wecker. Wir wollen auf keinen Fall im Kletterer-Stau hinter anderen Seilschaften stecken bleiben, daher der frühe Aufbruch. Eineinhalb Stunden später, um halb sechs, stehen wir bereits am Einstieg, es ist noch ziemlich dunkel und kein Mensch weit und breit. Aber nur wenige Minuten später hören wir, dass sich zwei Franzosen dem Einstieg nähern, die, wie wir erst später feststellen, in eine andere Route einsteigen. Für uns gibt’s im Augenblick nur eins: Einsteigen, denn wir wollen unsere Pole-Position nicht leichtfertig aufgeben. Felix klettert die erste Seillänge noch mit der Stirnlampe los, kurz darauf stehen wir am Beginn des schwierigen Abschnittes, der die untere Hälfte der Wand bildet. Jetzt ist es taghell und wir können unsere Umgebung zur Gänze wahrnehmen: Wir befinden uns an einem sehr ungastlichen Ort, ringsherum gelber, scheinbar griffloser Fels, der sich unmittelbar senkrecht aus dem Kar erhebt.

Schnell ein Foto und dann geht’s richtig los. Etliche Haken weisen den Weg, wir verwenden sie von vorne herein auch zur Fortbewegung. Hier bleibt die Ethik des Freikletterns im Hintergrund, was zählt ist möglichst viel Kraft zu sparen, schließlich muss diese für 17 Seillängen reichen.

Hie und da leistet auch die Trittleiter gute Dienste, dazwischen müssen aber immer wieder Stellen im 6. Grad frei bewältigt werden. In dieser Art geht es 7 anstrengende Seillängen dahin, bis wir das Ende des gelben Wandteils beim sogenannten „Italiener­biwak“ erreichen. Nun freuen wir uns auf leichtere Seillängen, laut unserem Topo wird ab hier der 5. Schwierigkeitsgrad nicht mehr überschritten. Das geht zuerst problemlos, jedoch müssen wir bald feststellen, dass uns oben ein dickes weil nasses Ende erwartet. Die Kamine vor dem 27-m-Quergang triefen vor Nässe und schicken immer wieder Tropfen zu uns herab. Ich mache mir schon Gedanken über einen eventuellen Rückzug, schreibt doch der Verfasser meines Kletterführers, der Grödner Bergführer Mauro Bernardi, dass diese Kamine bei Nässe nicht zu begehen sind. Hoffentlich hat er das nicht ernst gemeint.

Es geht alles gut, wir arbeiten uns trotz Nässe und Tröpfchendusche durch die teils glatten Kamine hinauf, die Klemmkeile als zusätzliche Absicherung leisten nun sehr gute Dienste, da der nasse Fels ordentlich schlüpfrig ist. Endlich ist der Beginn des 27-m-Quergangs erreicht, das Gestein wird wieder trocken. Dieser Quergang bildet den Zugang zum Ausstieg und leitet im 5. Grad direkt über einer Dachkante eine Seillänge nach links. Da inzwischen Nebel eingefallen ist, können wir die enorme Ausgesetztheit dieses Quergangs nur erahnen.

Voll konzentriert, um nicht noch aufgrund eines Sturzes über die Dachkante zu baumeln, begehen wir den Quergang, anschließend führen uns zwei 4er-Längen auf das große Ringband, wo die Tour endet.

Zufrieden, glücklich und auch erleichtert umarmen wir uns, ein Rückzug durch diese abweisende Wand wäre nicht einfach geworden. Da schmeckt die Kaminwurzn Marke „Tiroler Traditionshandwerk“ besonders gut, eine kleine Rast nach 8 Stunden Klettern haben wir uns jetzt verdient.

Bald darauf verlassen wir die Nordwand über das Ringband nach Westen und treffen auf den südseitigen Normalweg. Da sich der Nebel nicht mehr lichtet und für heute abends Niederschläge angekündigt sind, verzichten wir auf die Besteigung des Gipfels und machen uns gleich an den Abstieg, der nochmals zwei Stunden in Anspruch nimmt. Abseilen und konzentriertes Abklettern ist jetzt gefragt.

Genau 12 Stunden nach unserem morgent­lichen Aufbruch erreichen wir um halb fünf das Auto bei der Auronzohütte, leichter Regen hat gerade eingesetzt. Der kann uns die Freude über diese gelungene Paradeklettertour nicht im Geringsten schmälern, vielmehr sind Vater und Sohn wieder einmal mächtig stolz auf ein GGGAA (ganz großes gemeinsames alpines Abenteuer).

 

 

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