Bilder:

Der Burattipfeiler verläuft knapp rechts der Kante
Da gehts aufi!
Der Erstbegeher in seiner Tour im Jahre 2003

Erstbegehung des Burattipfeilers

Hermann Buratti

1958, Absam HGK... Wo sonst als in der Hochgebirgskompanie verrichten wir Kämpfer für das Vaterland unseren Wehrdienst. Wir, das sind der Kurt und der Hermann, mutige Kämpfer, bewährt im Gelände und bei diversen Verlegungen unserer Kompanie. Bei Festlichkeiten, deren gab es viele, packte der Kurtl seine Klampfn aus und unser Gesang erfreute die ganze Mannschaft.

Manchmal waren wir zum Aufräumen im Alpinmagazin eingeteilt. Trotz genauester Leibesvisitation unseres Magazineurs gelang es uns, für unser Vorhaben ein paar Hakelen und einige Alu-Karabinerlen „auszuleihen“. Ein armer Soldat, der eh nix hat, konnte sich damals kaum ein Bier leisten. Außerdem nützte es doch dem Ruf der Kompanie, wenn ihre Jungmänner eine Erstbegehung machen. Also eini ins Halltal, auf das Lafatscherjoch und ins Halleranger. Der Kurt wusste da noch eine „unberührte Wand“ neben dem Buhl-Durchschlag. Ich war sofort begeistert, als ich die durch einen großen Spalt abgetrennte Plattenwand erblickte. Da müsste man doch mittendurch an der Nordseite eine direkte Linie bis zum obersten Ende der Wand klettern können. Genau dort zog sich ein breiter Kamin nach oben und da wollten wir es probieren. So fest der Fels außen war, innen im Kamin war alles Bruch! Es war einfach grausig. Also nach ca. 20m Rückzug. Wir wollten ja kein Schotterwerk erschließen, sondern eine schöne Tour! Etwas weiter rechts war ein Pfeiler angelehnt und da war es schon ganz gut mit dem Fels. Von diesem Pfeiler zog sich nach rechts ein leicht überhängender Riss bis zu einer Nische empor. Nach einem Überhang kommt man dann auf den ersten Absatz der abgetrennten Wand. Von dort nach einer heiklen Querung nach links erreicht man eine senkrechte Rissverschneidung, welche unter einem Dach endet. Man verlässt die Verschneidung nach rechts sehr ausgesetzt und kommt dann in einen Kamin, der unter den höchsten Punkt der Plattenwand führt. Diese erste Seillänge nahm ich sofort in Angriff. Am Pfeilerköpfl oben schlug ich einen Standhaken und ließ nachkommen. Kurt klettert im schwierigen Riss weiter, und der hat es in sich! Gut, dass wir alte Eishaken – Marke Trenker oder älter – mithatten. Der Riss war nämlich innen brüchig, bemoost und für normale Haken zu weit.

Kurtl kam wieder herab und ich übernahm den Teil bis zur Nische. Donnergrollen mahnte uns zum Rückzug. Kaum hatten wir die Seile abgezogen, war auch schon die Hölle los. Genau gegenüber unserer Tour fanden wir einen Überhang, wo wir uns hinflüchteten. Es hagelte derart, dass in fünf Minuten die Steilwiese ganz weiß war; Sturzbäche schossen die Wand herab, es war wohl das wildeste Unwetter, das ich bisher erlebt hatte.

Das war am 20.Juli 1958, und erst am 23.Aug. hatten wir wieder ein Wochenende frei. Und jetzt war wieder nix! Wir sitzen in der Stube im Halleranger und es regnet! Wir halten Kriegsrat und beschließen, trotz des schlechten Wetters, den Riss heute noch zu machen.

Endlich hatte der Regen aufgehört, der Kurtl kletterte den –6er Teil und ich dann bis zum Absatz. Kurt klettert die 5er Länge, die Rissverschneidung bis unter das Dach. Beim Nachkommen merke ich erst, wie ausgesetzt und anstrengend dieser Teil ist. Ich wechsle vom Riss in den Kamin. Die letzte Länge im etwas brüchigen Spalt, der genau bei einer Latsche am Pfeilerkopf endet, führt wieder Kurtl. Begeistert ruft er herab: „Hermann, mir sein oben, mir hams gschafft!“. Inzwischen hatte es wieder zu regnen angefangen und wir begannen, eine Abseilstelle zu suchen. Etwas absteigend und mit zweimaligem Abseilen erreichen wir die Steilwiese unter dem Schartl, wo uns zwei Kameraden der Jungmannschaft erwarten und uns als erste zu unserer Tour gratulieren. Überglücklich und platschnass kehren wir in unsere Kaserne zurück.

Später wurde im unteren Teil der Tour, bis zum Absatz, eine schöne Variante eröffnet, welche viel besser zu dieser Tour passt. Seither ist der „Buratti-Pfeiler“ –V und +V, eine beliebte und kurze Kletterei im Anger. Übrigens sollte die Route Pittracher-Pfeiler heißen, da die Idee vom Kurtl stammt!

 

Berg Heil!
Hermann Buratti

 

 

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