D e r   V e r h a u e r

Wir zwei Wettersteiner – Gerd und ich – trafen uns am Samstag, 29.7.1978 um 6 Uhr morgens, um in die Sella-Gruppe hineinzufahren. Auf dem Programm stand die Langkofel-Nordkante. Mit stoischer Ruhe nahmen wir eine 2-stündige Verspätung auf der italienischen Autobahn hin. Die Zeit spielte ja keine Rolle, den wir wollten am selben Tag ja nur bis auf die Biwakschachtel am Langkofel hinauf (Geh- bzw. Kletterzeit ca. 8 Stunden für die 1000 Höhenmeter). Und darum kehrten wir auch noch im Grödnertal zu und pumpten uns die Mägen mit Pasta asciutta und einem Gemisch aus Wein und Spuma voll. Um 10 Uhr brachen wir dort auf und Gerd sauste mit seinem Vehikel im Affentempo die Kehren zum Pass hinauf. Nun, diese Felsfahrt musste schon mit Überlegung angegangen werden, so nahm ich das Rucksackpacken noch genauer als sonst –. dies brauchte natürlich auch seine Zeit. Wir begannen nun zu rechnen: Wenn wir spätestens um 11.30 Uhr beim Einstieg wären, müßte es sich ausgehen! Nun also schnell das Weglein zum Einstieg, Gerd voran, ich humpelte hinterher (am Freitag Nachmittag, beim Fensterstreichen, fiel ich vom Stuhl und zog mir dabei eine „Große-Linke-Zehen-Luxation“ zu. So war es nicht einmal sicher, ob das Klettern überhaupt möglich war. Vorsichtshalber hatte ich meinen Kletterschuh so fest zugeschnürt, dass es einem “Gipseffekt“ gleichkam. Der Zufall spielte dann in diesen zwei Tagen so großartig Regie, dass ich sowieso nicht mehr aus den Schuhen kam und der Fuß dadurch irgendwie „gesundgeschunden“ wurde!). Also weiter: Wie vereinbart kamen wir mit nur 5 Minuten Verspätung beim Einstieg an. Ein paar scheele Blicke zu nahenden Gewitterwolken, doch was soll uns schon passieren, wir wollen ja nur bis zur Biwakschachtel!

In unnachahmlicher Art fanden wir dann beim Klettern dort, wo es leichtere Routen gegeben hätte, etliche „Varianten“, wo es trotz kühlen Windes zu Schweißausbrüchen kam. Kurz vor der Halbzeit nahmen wir es dann sogar noch mit zwei 5-er Längen auf, obwohl rechts davon eine angenehme Schneerinne hinaufgeführt hätte (Aber hinterher ist man meistens viel gescheiter!). So kam es auch, dass wir die vorgegebene Zeit nicht einhalten konnten, dafür aber gingen wir eine Art Erst-begehung der „Verhauerroute“ - und das war doch was – oder? Vor lauter Kampf mit dem Fels und dem laufend gigantischen Tiefblick nahmen wir das dunkle Gewölk am Himmel erst beim Ausstieg aus den schwarzen Rissen, Kaminen und Klemmblöcken wahr. Nun noch eine Länge und wir stehen vor einer unlösbaren Aufgabe. Bei näherem Hinschauen konnten wir Abseilhaken feststellen – uns ging ein Licht auf: wieder falsch! Die Zeit? Schon 6 Uhr abends! Die ersten Blitze zuckten auf, wir suchten uns eine Deckung fanden eine Rinne, wo wir halbwegs sitzen konnten. Schnell 2 Haken rein – doch plötzlich ein Schrei, eine Stichflamme vor meiner Hand, ein Schlag, der Hammer flog aus der Hand und der Spuk war vorbei. Nur keine Aufregung, es hat bloß ein Blitz eingeschlagen! Wir feuerten das ganze Eisenzeug einige Meter weg in eine Nische, bedeckten uns mit dem Biwaksack, doch zu spät, wir waren schon fetznaß! Gerd saß auf seinem Rucksack und nach einer Weile merkte er, dass aus seinem Rucksack ein Bächlein floss – nein, er hatte nicht aus Angst hineinge .... - sonder das Regenwasser floss genau durch unsere Rinne munter gegen's Tal! Nun wieder hinaus in den Regen und hinein in die Nebenrinne. Sitzen konnten wir dort zwar nicht, weil es zu abschüssig war, aber es fand sich keine andere Gelegenheit. Nun wieder zwei Haken rein, uns angebunden und Biwaksack drüber. In der inzwischen eingetretenen Dunkelheit machte es ab und zu „peng“ - kleinere Steine fanden von oben als Ziel unsere Helme. An einem einzigen kleinen Stein konnte nur jeweils einer seinen Fuß nach unten abstützen, der andere fand dann seinen Halt an dem seinen Schuh. So verbrachten wir die Nacht bei wechselndem Abstützrhythmus und schauten alle paar Minuten, wann es wohl Morgen wird. Jeglicher Appetit ist uns bei dieser Aktion vergangen und auch am nächsten Tag nahmen wir den Hunger mit Gelassenheit hin.

Um 7 Uhr morgens – nach gebrochener Kälte – nahmen wir dann den Weiterweg auf und erkämpften uns nach 6 Stunden den Gipfelsieg. Da saßen wir nun, sahen uns gegenseitig an und waren beide nur einer Meinung: „l.m.a.A., das waren starke Längen, zumindest für uns Nichtextreme!“

Der Abstieg erfolgte dann in 4 Stunden über das Fassanerband und um 18 Uhr ließen wir uns den „Rötl“ in einem netten Gasthaus gut schmecken!

 

                                                                                              Manfred Walde

 

Anmerkungen von Gerd Hammerer:

Die Wirtin beim „zweiten“ Frühstück hatte uns auf Anfrage versichert, dass es kein Gewitter geben wird!

Bei der oa. „Art Erstbegehung der Verhauerroute“ handelte es sich lt. Führer um folgende Variante: „Der untere Teil der N-Kante, nämlich jener von der Pichl-Warte und der sogenannten Felsnase abwärts wird an seiner nö.Seite, also links, von einer Variante durchzogen, IV-V, (M.Demetz und Wehse, 1935). Diese Variante erreicht zwar eine schönere Linienführung als der Pichl-Anstieg, hat jedoch wegen der unverhältnismäßig größeren Schwierigkeiten wenig Wert. Auf der „Pichl-Warte“ geht sie in die Originalführe über“. Die in dieser Route gesehenen Haken verleiteten Manfred, von der hier „zu leicht befundenen“ Originalführe abzuweichen.

Das Biwak war auf/bei der sogenannten Pichlwarte.

Schwere Rucksäcke trugen für ein etwas langsameres Fortkommen bei, da wir ja auf dem Gipfel des Langkofels eine „gepflegtes“ Biwak in der Biwakschachtel verbringen wollten!

Den Hunger nahmen wir nicht nur gelassen sondern auch notgedrungen hin, da wir ohne Flüssigkeit - wir dachten, oben von Schneeresten mit unserem mitgenommenen Kocher Wasser gewinnen zu können - keinen Bissen hinunterbrachten!

Nichtsdestotrotz: Ein großartiges Berg-Erlebnis!!!

 

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