Unser Ziel, die Dent Blanche, 4.357 Meter
Aufstieg zur Hütte
A Weg zur Wandfluelücke
Auf der Wandfluelücke
Auf der Cabane
Am Gipfel
Tiefblick auf den Ferpecle-Gletscher
Nach dem Abstieg
Gipfelpanorama

August 2012, Aschauer Helmut

 

Montag, den 13. August 2012 um 10 Uhr vormittags, starten (Kleider Mair-) Börni und ich mit den bewährten Doblo-Reisen von Innsbruck Richtung Schweiz, Tagesziel der heutigen Anreise ist Ferpècle in hintersten Val d’Herens, einem Seitental des Schweizer Rhônetals, wo wir nach 7 Stunden eintreffen. Ein guter Platz zum Übernachten ist beim Parkplatz schnell gefunden, wir holen meinen kleinen Gasgriller, Tisch und Klappstühle aus dem Auto und lassen uns erst einmal ein paar Koteletts schmecken. Dazu eiskaltes Bier aus der Kühltruhe, schöner könnte so ein Anreisetag gar nicht zu Ende gehen. Die Nacht verbringen wir in unseren Schlafsäcken unter dem Vordach einer versperrten Hütte.

Der nächste Tag empfängt uns mit wolkenlosem Himmel, heute sind die lächerlichen 1.700 Höhenmeter zur Cabane de la Dent Blanche zu bewältigen. Wir brechen kurz vor 9 Uhr auf und lassen uns genügend Zeit für den langen, aber landschaftlich großartigen Hüttenanstieg.

Zuerst begleitet von Wiesen, dann von Felsen und den gewaltigen Gletscherbrüchen des Glacier de Ferpècle, zuletzt über Gletscherschliffe und Blockgelände erreichen wir nach 5 Stunden die höchst gelegene Hütte des SAC auf 3.507 m. Dort empfängt uns freundlich die deutsche (!) Hüttenwirtin Ingrid, die die Hütte hier oben zusammen mit einem Sherpa bewartet.

Da wir noch genügend Zeit bis zum Abendessen haben, beschließen wir, von der Hütte noch 200 Hm bis zur Wandfluelücke (3.703 m) aufzusteigen. Dieser Abschnitt, der den ersten Teil des Anstiegs zur Dent Blanche bildet, ist morgen bei Dunkelheit zu bewältigen, daher ist eine vorherige Erkundung sicher kein Fehler. Es geht gleich hinter der Hütte recht ausgesetzt über Felsen in leichter Kletterei los, für den oberen Teil zur Wandfluelücke, der aus einer Schneeflanke besteht, werden sogar die Steigeisen benötigt.

Oben belohnt uns großartige Aussicht, vor allem auf das nahe Matterhorn. Nach einem „Joch-Heil“ und entsprechender Zufriedenheit über die heute bewältigten 1.900 Hm machen wir uns bald wieder an den Abstieg, höchste Vorsicht ist dabei geboten.

Zurück auf der Hütte erklärt Börni, dass er nicht in der Lage sei, am kommenden Tag den Gipfelaufstieg auf die Dent Blanche in Angriff zu nehmen. Übergroßer Respekt sitze ihm lähmend im Nacken, und er denke momentan über eine alternative Freizeitgestaltung für die Zukunft nach.

Diese Ansage bedeutet für mich nichts Gutes, ich überlege, was ich nun mit der Situation am besten machen könnte. Den Gipfelanstieg bildet nämlich, nach Bewältigung von zwei Fels- und zwei Firnabschnitten, der 1 km lange Wandfluegrat mit nahezu durchgehendem Klettergelände und Stellen bis zum III. Schwierigkeitsgrad – nicht gerade ideal für einen Alleingang. Beim Abendessen entscheide ich mich - angesichts der trockenen Verhältnisse – trotzdem, alleine einen Gipfelversuch zu wagen. Börni wünscht mir bei einer guten Flasche Walliser Rotwein viel Glück für dieses große Vorhaben.

Um 4:30 breche ich mit ca. 25 weiteren Personen von der Hütte auf, die Stirnlampe erhellt mir die Kletterpassagen hinauf zur Wandfluelücke. Ich folge einer der Bergführer-Zweierseilschaften, sind die Westalpen-Bergführer doch meist des genauen Weges kundig. Leider erwische ich zuerst einen deutschen Führer, der selbst immer wieder suchen muss und falsch geht. Zum Glück holt ein französisch sprechender Schweizer Führer mit Gast auf, der offensichtlich nicht zum ersten Mal hier hinaufsteigt. Ich wechsle sofort meinen „Führer“ und klettere, immer im Abstand von mehreren Metern, hinter den beiden her. Das Gelände ist gut kletterbar, immer sehr griffig und meist fest, aber auch mit einigen Schrofenpassagen garniert. Der Abgrund ist allgegenwärtig und würde nicht den geringsten Fehler verzeihen. Die schwierigste Kletterstelle wartet weit oben bei der Umgehung des dritten Gendarmes, ich sichere mich hier für ca. 10 m selbst mit meinem Seil. Nach gut 4 Stunden erreiche ich den Gipfel, der Schweizer Führer meint scherzhaft zu mir: „J’ai un plus!“ - „Ich habe einen (Gast) mehr!“ Ich verneine mit „Pas de corde!“ – „Kein Seil!“, und fast hätte ich auch noch dazugesagt: „Und kein Honorar!“

Die Freude über das Gelingen des Aufstiegs ist riesig, die Aussicht genial: Fast die gesamten Westalpen, vom Berner Oberland bis zu Mont Blanc, breiten sich vor mir aus, besonders eindrucksvoll wirken Matterhorn und Dent d’Herens mit ihren düsteren Nordwänden. Ich genieße die umliegenden 4000er bei 20 Minuten Gipfelrast, dann geht’s wieder hinunter über den gleichen Grat. Einige Abseilstellen erleichtern das Fortkommen, der Rest muss abgeklettert werden.

Nach weiteren 4 Stunden voller Konzentration erreiche ich um 13 Uhr die Hütte und den hier wartenden Börni, der mich wie einen Helden aus siegreicher Schlacht empfängt. Wir jausnen ein bisschen, dazu genieße ich ein „Ottakringer“, das die Wirtin hier, in der französischen Schweiz, verkauft. Nach dieser Stärkung brechen wir talwärts auf, die Füße plagen sich nun über die 1.700 Höhenmeter hinunter zu unserem Auto.

Drei Stunden später ist auch dieses mühsame Werk vollbracht, wir kommen beim Doblo an, beide wissend, was nun geschehen wird: Der Griller wird wieder surren, denn die Kühlbox enthält noch Fleisch, Käsekrainer und ein paar Bierchen. So steht einem weiteren Grillabend in Ferpècle mit anschließender Schlafsackübernachtung nichts mehr im Wege. Wir genießen einen angenehmen Abend, für Börni bin ich heute nur mehr der „Monsieur Blanche“. Ich bin selbst auch sehr zufrieden und schon ein wenig stolz auf meine Besteigung dieses riesigen Weißen Zahns.

Tags darauf klopfen Regentropfen auf unser Hüttenvordach, was uns die Entscheidung zur Heimreise erleichtert. Nach einem hervorragenden Frühstück in einer Bäckerei in Evolène geht es über die Schweizer Autobahnen zurück nach Hause.

 

 

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