Piz Bernina - Biancograt

Piz Palü - Überschreitung

Aschauer Helmut - Juli 15

 

Alles begann im Jänner 2014 im mittelitalienischen Arezzo, wo wir auf der Heimfahrt unserer Wettersteiner-Vulkanreise nach Süditalien übernachteten.

 

Uhrzeit ca. 2 Uhr. Die letzten Zecher stehen noch an der Bar und schwärmen von großen alpinen Vorhaben. So verlautbart unser sich damals noch im Wettersteiner-Aspiranten-Status befindliche Mario: „Den Biancograt, den möcht‘ i amal machen!“. Großer Beifall, die Gläser werden erhoben, „Super Idee, wann gemma?“. Mario, Reini und ich schlagen ein und stoßen auf das gemeinsame Ziel an. Bei nächster Gelegenheit wollen wir es verwirklichen.

 

Es dauert eineinhalb Jahre, bis wir in Pontresina die mit der kompletten hochalpinen Bewaffnung gefüllten Rücksäcke aus dem Auto laden. Mit von der Partie sind der Ideengeber Mario, Marius und meine Wenigkeit. Reini konnte aufgrund des tragischen Todesfalles eines Freundes leider nicht mitkommen.

 

Da wir zwar gerne bergsteigen, aber doch auch bequeme Menschen sind, erleichtern wir uns den Anmarsch durch das Val Roseg mit einer Kutschenfahrt. Für die rund 7 km benötigen wir zwar 1,5 Stunden, kommen aber ohne einen Tropfen Schweiß verloren zu haben, beim Hotel Roseg an. Nun beginnt der Aufstieg zur Tschiervahütte (2.584m), der uns nochmals 1,5 Stunden kostet.

 

Oben angekommen werden wir von der freundlichen und gut mit „Holz vor der Hütte“ ausgestatteten Rachel empfangen und bekommen ein ganzes Schlaflager für uns alleine zugewiesen. Der Abend vergeht in Nu, zuerst genießen wir die Sonnenstrahlen und die grandiose Aussicht auf die Gletscherwelt von der Terrasse, anschließend gibt’s ein sehr gutes dreigängiges Essen. Leider wird dazu auch das eine oder andere Bier getrunken, das zwar sehr gut schmeckt, aber dennoch am nächsten Tag zu mittleren Beschwerden eines Reiseteilnehmers führen sollte. Sein diesbezüglicher Kommentar am Morgen: „Man sollte nicht versuchen, mit dem Präsidenten mitzuhalten!“

 

6. Juli 2015, 02:45. Der Wecker läutet, Frühstück, rein in Bergschuhe und Klettergurt, Stirnlampen auf und ab in die Dunkelheit. Der Zustieg zum Biancograt führt über schrofiges Gelände, vorbei an Wasserfällen, manchmal mit Ketten versichert. Beim ersten Morgenlicht erreichen wir den Gletscher unterhalb der Fuorcla Prievlusa (3.430m). Von hier führt eine steile Schneeflanke hinauf zur Scharte, Steigeisen und Pickel werden benötigt. Gute Stapfen erleichtern den Anstieg.

 

Auf der Scharte befindet sich der Einstieg zum ersten Felsteil des Biancogrates, wir überholen flink eine Gruppe von 4 Belgiern und klettern durchwegs im 3. Schwierigkeitsgrat über einige steile Gratabsätze hinauf. Nach einem Abseiler vom letzten Felsturm erreichen wir den Firnteil des Biancogrates, die berühmte Himmelsleiter, die seit Jahrzehnten etliche Titelseiten von Bergbüchern ziert. Diese perfekte Firnschneide nun in Natura zu sehen, beeindruckt uns sehr.

 

Nach eine kurzen Pause steigen wir los, Steigeisen, Pickel und ein Schistock sind nun unsere Gehilfen. Das Seil kommt weg, ist es doch schwer möglich, hier eine vernünftige Sicherung anzubringen. Einen Seilschaftssturz wollen wir schon gar nicht riskieren. Der Grat ist gut gespurt, das Eis ist noch mehr oder weniger bedeckt durch Firn, so kommen wir drei, zwar sehr konzentriert, aber ohne besondere Schwierigkeiten über die teils 45 Grad steilen und ausgesetzten Aufschwünge hinweg und erreichen gegen 10 Uhr den 3.995m hohen Piz Bianco, wo der Firngrat endet.

 

Vor hier sind es nur mehr 50 Höhenmeter zum Piz Bernina, diese stellen jedoch die Schlüsselstelle der gesamten Tour dar. Ein scharfer Zackengrat führt über einige Felstürme zum Ansatz des Hauptgipfels, der dann über sehr steiles Gelände zu erklimmen ist. Wir sichern die gesamte Strecke mit dem Seil durch, neben zwei Abseilern muss hier sehr viel auf- und abgeklettert werden, alles mit Steigeisen, da der Grat auch mit Schnee- und Eisabschnitten garniert ist. Für diese rund 7 Seillängen benötigen wir beinahe 3 Stunden, auch die dünne Luft macht sich jetzt bemerkbar.

 

Um 12:45 können wir uns stolz und zufrieden die Hände zum Bergheil reichen, der Piz Bernina (4.048m) über seinen berühmten Biancograt ist geschafft. Für Mario ist er noch dazu der erste 4.000er. Die halbstündige Gipfelpause brauchen wir alle. Müsliriegel, Wurst, Brot und auch eine Dose Kaiser Fasstyp geben uns wieder neue Kräfte.

 

Der Abstieg über den schmalen Spallagrat erfordert nochmals höchste Konzentration, auch hier wäre jeder Fehltritt fatal. Die beiden steilen Felsstufen des Grates überwinden wir abseilenderweise, und als wir endlich das Schneefeld hinunter zur Marco e Rosa Hütte betreten, darf erstmals an diesem Tag Entspannung aufkommen.

 

Nach insgesamt 11,5 Stunden von Hütte zu Hütte strecken wir die Füße in der Gaststube der Marco e Rosa Hütte (3.610m) aus, genießen das Calander Bräu und bewundern die vielen nackten Pinup-Girls, die überall herumhängen. Die Hütte wird von zwei Herren fortgeschrittener Semester bewirtschaftet, die - wie wir feststellen - nicht nur weibliche Rundungen, sondern auch gute Rockmusik von den Dire Straits oder Pink Floyd lieben und die Gäste lautstark daran teilhaben lassen.

 

Der nächste Tag bringt wieder strahlendes Wetter, so beschließen wir, mit der Überschreitung der drei Gipfel des Piz Palü dieser jetzt schon erfolgreichen Hochtour das Sahnehäubchen aufzusetzen. Wir starten um 5:40 vor der Hütte, über die spaltenreiche Bellavista-Terrasse marschieren wir zum Ansatz des Westgrates des Piz Palü Westgipfels, auch Piz Spinas (3.823m) genannt. Dieser reine Felsgrat ist nicht besonders schwierig, wir können ihn flott und seilfrei erklettern. Vor dort führt ein vergletscherter Hang weiter zum Hauptgipfel (3.902m), dann geht’s noch über eine sehr schmale Firnschneide hinüber zum Ostgipfel (3.882m) des Piz Palü.

 

Der Abstieg über den Persgletscher macht Spaltenslalom mit Sprungeinlagen erforderlich, da geht man angesichts der Riesenlöcher doch sehr gern am Seil. Die letzte Strecke zu Diavolezza-Seilbahn zieht sich noch etwas, schließlich erreichen wir diese nach insgesamt 6 Stunden.

 

Bei grandioser Aussicht auf die in den beiden Tagen überschrittenen Gipfel gönnt uns Mario eine Runde Palü-Bier auf der Terrasse des Berghotels Diavolezza zum Okkasionspreis von 20,- SFr. Die Talfahrt mit der Seilbahn erfordert nochmals die Kleinigkeit von 25,- SFr pro Person, ist dafür ausgesprochen knieschonend und entspannend. Der Doblo wartet schon am Parkplatz und bringt uns sicher nach Hause.

 

Eine unglaublich eindrucksvolle Hochtour geht zu Ende, die jeder von uns sicherlich unter die absoluten Höhepunkte seiner alpinen Abenteuer einreihen wird.

 

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