Bügeleisenkante - Pizzi Gemelli

Aschauer Helmut - Juli 2015

 

Das Bügeleisen an der NW-Kante der Pizzi Gemelli im Bergell steht schon eine Weile auf meiner alpinen Wunschliste ziemlich weit oben. Bietet doch dieser Elefantenrücken, eingebettet zwischen zwei zerrissenen Gletschern, Genusskletterei an eisenfestem Fels in der wilden Umgebung der prominenten Granitriesen wie Piz Badile, Cengalo oder Sciora di Fuori. Auch Ehrenmitglied Hermann und Vizepräsident Mäx sind mit von der Partie, als wir am Donnerstag, 16.7.2015, mit Doblo Reisen über den Maloja-Pass nach Bondo fahren. Von dort führt eine mautpflichtige Straße ins urtümliche Bondasca-Tal bis Laret auf 1.300m.

 

Der westseitige Hüttenaufstieg zu Sciora-Hütte gestaltet sich heiß und anfangs nahezu windstill, wir kühlen uns immer wieder an den Bächen, die den Weg queren, ab. Dabei können wir auch die Ausmaße des verheerenden Bergsturzes aus der Nordwand des Cengalo betrachten, der Ende Dezember 2011 einen großen Teil des Talschlusses verwüstete. Nach zwei Stunden ist die aus Steinen gemauerte Hütte Sciora Hütte (2.120m) erreicht, wir werden bestens verköstigt und untergebracht.

Den lauen Abend verbringen wir auf der Terrasse, die letzten Sonnerstrahlen erzeugen eine großartige Stimmung. Auch das mühsam heraufgeschleppte Kaiserbier schmeckt – gut gekühlt im Brunnen vor der Hütte – ausgezeichnet. Hier gibt's nämlich nur das sehr mäßig mundende Calander-Bräu, und das zum Vorteilspreis von € 7,- pro Dose.

 

Um 7 Uhr morgens marschieren wir ab. Der Zustieg zum Bügeleisen überwindet zwar nicht viele Höhenmeter, ist aber sehr langwierig. Zuerst muss ein Teil des Bergsturzgebietes durch ein wildes Blockgewirr gequert werden, dann führt ein Schneefeld Richtung Einstieg, hier wir der Pickel benötigt. Zuletzt klettern wir über eine wasserüberronnene Verschneidung auf das Einstiegband.

 

Es ist schon 8:45, als wir mit der Kletterei starten. Diese entschädigt für alle bisherigen Mühen, der Kletterführer hat nicht zu viel versprochen: Genussreich führt die Route geradeaus über das Bügeleisen hinauf, der Fels ist meist gut mit Rissen und Schuppen strukturiert. Manchmal hat die Natur jedoch mit Griffen etwas gespart, dann muss man sich auf die Reibungssohlen verlassen und auf sogenannten "Chickenheads", leicht aus dem glatten Granit hervorstehenden Quarzen, aufstehen. Hier ist Gleichgewichtssinn gefordert.

Wir sind die einzige Seilschaft und spulen Seillänge um Seillänge ab. Hermann hat einen Vorteil: Er war schon vor rund 50 Jahren mit Hugo am Bügeleisen und ist somit ortskundig. Allerdings waren die beiden damals noch mit den schweren Bergschuhen am Werk, was die Kletterei sicherlich eine Hausnummer schwieriger gestaltete. Auch die heutige Absicherung mit Bohrhaken gab es noch nicht.

Nach rund 10 Seillängen sind wir am Ausstieg, die Route endet auf einer Kantenschulter (2.680m). Stolzes Bergheil, höchsten Respekt vor Hermanns Kletterleistung, der mit seinen 76 Lenzen immer noch diesen guten "Fünfer" ohne Probleme meistert! Zurück geht es dieselbe Route, natürlich im Abseilmodus. Die Abseilerei verläuft problemlos, nur einmal verhängt sich das Seil beim Abziehen, ich muss nochmals ein Stück hinaufklettern, um es zu bergen.

 

Nach 8 Stunden sind wir wieder zurück auf der Sciora Hütte, das Calander-Bräu schmeckt jetzt mangels Alternative auch ganz gut. Der Abstieg zum Auto fühlt sich dann recht lang an, auch die mehr als dreistündige Rückreise nach Hause zieht sich. In Pfunds stärken wir uns mit Schnitzel und Kaspatzln, gegen 22 Uhr kommen wir in Völs an – wieder um einen alpinen und kameradschaftlichen Höhepunkt reicher.

 

 

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