Bilder:

Abseilen über die Randkluft
Auf der Aiguille Verte
Aufstieg zur Couvercle Hütte
Im obersten Teil des Couloirs
Nächtlicher Aufstieg durch das Whymper Couloir

Durch das Whymper-Couloir auf die Aiguille Verte

Helmut Aschauer

Es ist soweit, der Wecker geht mitten in der Nacht ab, alles ist stockdunkel, ich stehe auf und das ganz aus freien Stücken. Vom Fensterbrett her sind ein paar Regentropfen zu hören, doch der Wetterbericht sprach gestern von einem kräftigen Hoch über dem Golf von Biscaya, und so lasse ich mich durch die Tropfen nicht irritieren und steige ins Auto, um meinen Wettersteiner-Kameraden Wolfi Goriup in Stams abzuholen. Wir schreiben gerade das Jahr 2000 n. Chr., 16.Juni um viertel nach drei Uhr in der Früh.

Bei Wolfi um 4 Uhr angekommen, ist alles friedlich und still. Ich denke mir: Oje, Wolfi schlummert noch. Doch nach ein paar Klopfern an der Tür geht das Licht an und eine Viertelstunde später rollen wir bereits westwärts.

Gut sechs Stunden später, die Sonne steht bereits hoch am Himmel, nähern wir uns der Hauptstadt des Alpinismus, der französischen Bergsteigerstadt Chamonix. Der "Chef", wie wir den Mont Blanc ganz jovial nennen, hat noch einen Hut auf, aber seine Schwester, die elegante Aiguille Verte mit 4.122 m, grüßt bereits ohne Wolke zu uns ins Tal herunter. Wir parken bei der Station der Zahnradbahn nach Montvers und gehen angesichts der gigantischen Kulisse vorerst einmal einen Rucksack kaufen und Pizza essen. Beide Aktionen verlaufen positiv, Wolfi packt kurz darauf sein ganzes Zeug in einen neu erworbenen Sherpa 40 von Millet, und wenig später sitzen wir in der Zahnradbahn nach Montvers, inmitten einer französischen Pensionisten-Reisegruppe, die einen erheblichen Geräuschpegel entwickelt. Dieser Geräuschpegel kann uns aber nicht davon abhalten, ein Nickerchen bis zur Ankunft beim Mer de Glace zu machen und damit ein wenig Schlaf nachzuholen.

Zwischen Ansichtskartenständern und unzähligen Touristen aus Japan und dem Rest der Welt drängen wir uns zum Beginn des Weges hindurch, der hinunter zur aperern Gletscherzunge des Mer de Glace führt, wo sich wiederum etliche Touristengruppen, bewaffnet mit Leihbergschuhen, Steigeisen und Eisgeräten, im schmutzigen Eis tummeln.

Doch bald werden die Menschen weniger, und nach eineinhalb Stunden Marsch irren wir schon ganz alleine im Moränenschutt zwischen Mer de Glace und Leschaux-Gletscher umher, um den Beginn der Leitern zu finden, die nun über blankpolierte Gletscherschliffe hinauf zum Refuge du Couvercle führen. Kurz vor der Hütte treffen wir ein Murmele am Weg, das aus seinem Loch herauskommt und sich uns vorsichtig bis auf einen halben Meter nähert. Es scheint Menschen gewohnt zu sein und frisst mir sogar Brotstücke aus der Hand, die ich inzwischen aus dem Rucksack geholt habe. Zum Dank lässt es sich sogar an der Brust streicheln. Der lange Tag klingt auf der Couvercle-Hütter bei einem kräftigen Diner mit gutem französischen Rotwein aus, um halb neun liegen wir bereits im Lager, denn die Aufstehzeit für Aiguille Verte Aspiranten lautet: Mitternacht.

Dann ist es soweit, der Wecker geht schon wieder mitten in der der Nacht ab, wir stehen auf, und das schon wieder freiwillig. Aber ein Blick aus dem Fenster macht das Aufstehen leicht, keine Wolke weit und breit, der Vollmond steht hoch am Himmel und leuchtet, was er kann. Vom Thermos-Frühstück, das uns die Wirtsleute hergerichtet haben, schmeckt uns nur das Müsli und der Tee, was anderes kriegen wir um die Zeit nicht hinunter.

Bald zwingt und der hart gefrorene Schnee, die Steigeisen anzuziehen. Nach dem Hüttenhang sehen wir schon unseren Aufstiegsweg im fahlen Mondlicht, das 600 m hohe Whymper-Coulior, das die Südflanke der Aiguille Verte durchzieht und als einfachster Aufstieg auf diesen imposanten Viertausender gehandelt wird. Fünf Personen sind schon eine halbe Stunde vor uns und so stapfen wir in deren Spuren über den Talèfre-Gletscher hinauf zur mächtigen und von ferne unbegehbaren aussehenden Randkluft des Couloirs, die sich auf einer Höhe von 3.450 m befindet. Die Schistöcke tauschen wir hier gegen zwei Eisgeräte aus und steuern nach kurzer Rast den rechten Teil der Randspalte an, wo sich eine Durchstiegsmöglichkeit eröffnet. Der untere Teil der Steilrinne ist mit ca. 45 Grad mäßig steil, wir kommen gut voran. Allmählich wird es hell, die Morgendämmerung bietet uns ein prächtiges Farbenspiel. Im Mittelteil führt der Aufstieg über eine felsdurchsetzte Rippe, die sich im rechten Teil des Couloirs befindet und sich allmählich aufsteilt. Die letzten 150 Hm führen gerade hinauf durch die Rinne zum Col zwischen Grande Rocheuse und Aiguille Verte und haben eine ansehnliche Steilheit von etwa 55 Grad. Die ausgezeichneten Firnverhältnisse lassen es zu, dass wir das gesamte Couloir seilfrei durchsteigen, und nach gut 3 Stunden konzentrierter Steigeisenarbeit stehen wir am Ausstieg der Rinne. Die letzten 70 Hm leiten uns über einen scharfen Firngrat zum Gipfel.

Die Freude über den gelungenen Aufstieg ist riesengroß, wir geben uns zufrieden die Hände zum Bergheil und lassen unsere Blicke rundum schweifen, um die gigantische Aussicht zu genießen. Besonders beeindruckend ist, dass der Gipfel nach allen Seiten steil abfällt, vor allem nach Norden über das 1.100 m hohe Coulior Couturier zum Argentière-Gletscher. Doch die Tour ist noch nicht zu Ende, auch der Abstieg muss noch bewältigt werden. Da sind uns die Abseilstellen, die im Whymper-Couloir eingerichtet sind, sehr willkommen. Wir gleiten mit unseren beiden Halbseilen abseilenderweise das gesamte Couloir hinunter, es waren mindestens 15 Längen à 50 m. Den Schlusspunkt setzt eine spektakuläre Abseilfahrt über die Randkluft. Noch bevor uns die Aiguille Verte die ersten Steine und Eisbrocken aus der inzwischen besonnten Südflanke nachschicken kann, entfernen wir uns über den flacheren Gletscher Richtung Hütte. Der schon etwas aufgeweichte Schnee am Gletscher lässt es ratsam erscheinen, sich anzuseilen, damit diese Tour nicht noch mit einem Spaltensturz endet. Genau rechtzeitig zum Mittagessen können wir unsere Rucksäcke auf der Terrasse vor der Couvercle-Hütte abstellen und bei dem einzigartigen Panorama mit Walker-Pfeiler, Vallée Blanche, Montblanc, den Aiguilles de Chamonix und vielen anderen Gipfeln, Spaghetti und Bier genießen.

Der anschließende Abstieg ins Tal und die Heimreise über die Schweizer Autobahnen fordern unsere Kondition noch einmal ganz schön heraus, aber was soll's, wir sind um ein Bergerlebnis reicher, das wir nicht so schnell vergessen werden.

 

<-- Zurück zu den Sommertouren