Bilder:

Aufstieg zum Hasan Dag
Blick von Kayseri zum Erciyes Dag
Feenkamine in Göreme
Gipfelgrat des Erciyes Dag
Im Aladaglar Gebrige

Schitouren unter dem türkischen Halbmond

Helmut Aschauer

Plaisir-Schitouren in Zentralanatolien, gibt es sowas? Diese Frage stellen wir uns auch, als wir am 9. März 2002 um 8 Uhr abends auf unser umfangreiches Gepäck am Flughafen Kayseri warten. Wir, das sind 20 Wettersteiner, ein Großteil des aktiven harten Kerns unseres Vereins. Schi- und Rucksäcke, Reisetaschen und Seesäcke, alles kommt mit der Zeit daher, und als wir das Flughafengebäude verlassen, wartet bereits Esat (wie wir später erfahren) mit einem 30-sitzigen Bus, um uns ins Hotel Almer nach Kayseri zu bringen.

Für morgen ist wolkenloses Wetter angesagt (zumindest stand es im Internet so geschrieben), und deshalb bereiten wir uns gleich auf unsere erste Schitour vor, den 3.917 m hohen Erciyes Dag. Dieser erloschene Vulkan trohnt regelrecht über Kayseri und der umliegenden Hochebene.

Durch die Teufelsschlucht zum Erciyes Dag

Pünktlich um 8 Uhr in der Früh holen uns Esat mit seinem Bus und Benjamin als zusätzlicher Begleiter vor unserem Hotel ab, dann geht’s hinauf zur Tekir-Hochebene an den Fuß unseres Bergzieles auf 2.200 m, wo sich ein kleines Schigebiet befindet. Doppelmayr macht's möglich – zwei Sektionen 4er-Sessellift befördern uns bis auf eine Höhe von 2.760 m. Nach dem Verlassen des Schigebietes nähern wir uns langsam aber stetig dem steilen und mächtigen Gipfelaufbau des Erciyes Dag. Die 3.000 m Marke ist längst überschritten, als wir die Mündung der "Teufelsschlucht", einer gut 600 m hohen Steilrinne, die zum Gipfelgrat leitet, betreten. Zum Teil mit aufgeschnallten Schiern, zum Teil mit Harscheisen durchsteigen wir nun diese gut 40 Grad steile Rinne, bis uns am Gipfelgrat ein scharfer und kalter Südwind empfängt. Kurze Zeit später können wir uns die Hand zum Berg Heil am Erciyes-Ostgipfel reichen. Ein idealer Platz, um zusammenzuwarten. Ein paar von uns liebäugeln von hier aus mit dem Übergang zum zentralen, ein bisschen höher gelegenen Hauptgipfel, der aus einer vereisten Felsnadel besteht und durch einen Firngrat mit dem Ostgipfel verbunden ist. Schappi und ich sind die ersten, die feststellen: „Zumindest probieren sollten wir es schon!" Gesagt, getan, mit Steigeisen, Pickel und Seil bewaffnet gelangen wir über den Firngrat und eine anschließende kurze Flanke an den Fuß der ca. 15 m hohen senkrechten Gipfelnadel. Von Süden vollkommen vereist und eher an Patagonien erinnernd, entdecke ich auf der fast schneefreien Nordseite eine Verschneidung, aus der sogar ein türkischer Haken herunterlacht. Ich ziehe die Steigeisen aus und spreize – gesichert von meinen Kameraden – die letzten Meter zum höchsten Punkt. Vom Gipfelblock sichere ich die Freunde einzeln nach, es ist kaum Platz für zwei Personen hier oben.

Die Freude über die auf Anhieb gelungene Besteigung ist riesengroß, alle 19 gestarteten Wettersteiner erreichen den Gipfel. Der Tiefblick erinnert uns an den Blick aus einem Flugzeugfenster, die umliegende Ebene liegt fast 3.000 m tiefer.

Vor uns liegen 1.700 Hm Abfahrt, die Steilabfahrt durch die "Teufelsschlucht" verlangt noch einmal volle Konzentration – ein Sturz wäre hier nicht sehr gesund - dann führen sanftere Hänge hinunter ins Schigebiet. Auf der Schipiste, über die die letzen Meter der Abfahrt führen, sehen wir, dass die türkischen Schiläufer durchwegs ein paar Nachhilfestunden im Schifahren gebrauchen könnten. Kein Wunder, der Schisport ist hier längst nicht so populär wie bei uns und wahrscheinlich nur der Oberschicht vorbehalten.

Kappadokien – fantastische Landschaft aus Tuffstein

Am dritten Tag unserer Reise beginnen wir mit unserer Rundfahrt durch Kappadokien. In zweistündiger Fahrt erreichen wir Göreme, inmitten der berühmten Feenkamine aus Tuffstein. Unzählige Zinnen und Türme, zum Teil von Menschenhand ausgehöhlt und als Wohnungen verwendet, zieren hier die Landschaft. Wir beziehen Station im bereits per e-mail vorgebuchten Göreme-House. Nach dem Mittagessen teilt sich unsere Reisegesellschaft in zwei Gruppen, ein Teil erkundet die Gegend mit Mountainbikes, der Rest macht eine Wanderung ins "Rose Valley". Beim Abstieg bemerken wir plötzlich, dass wir nicht mehr vollzählig sind. Hermann B. (vollständiger Name der Red. bekannt) fehlt. Die sofort eingeleitete Suchaktion bleibt erfolglos, erst nach längerem Warten beim Bus kommt er plötzlich daher. "I hab' euch nimmer g'funden, nachdem i vom Sch... z'ruckkommen bin!" ist sein Kommentar. Ende gut, alles gut, wir nehmen Hermann vorsichtshalber gleich an ein Reepschnürl und bei einem Souvenirstandl, an dem wir kurze Zeit später vorbeikommen, bekommt er ein Glöcklein zum Umhängen mit der Auflage, dass er dieses nur in geschlossenen Räumen abnehmen darf.

Vor dem Abendessen besuchen wir ein türkisches Bad mit Massage, anschließend klingt der Tag auf der Dachterrasse unseres Hotels aus.

Die Rundreise geht am nächsten Morgen weiter, wir fahren wieder 100 km nach Ihlara, um dort die Ihlara Schlucht, einen tief eingeschnittener Canyon mit byzantinischen Felsenkirchen zu durchwandern. Am Nachmittag beziehen wir unser Quartier, anschließend ist die Zufahrt zu unserem nächsten Bergziel, dem nahegelegenen Hasan Dag (3.268 m) zu erkunden. Auch der Hasan Dag ist ein erloschener Vulkan und erhebt sich majestätisch aus der Ebene. Die Schneegrenze befindet sich bei ca. 2.000 m und wir wollen möglichst nahe an sie herankommen. Wir entdecken eine Schotterstrasse, die uns bis auf ca. 2.000 m direkt zum Beginn einer mit Schnee gefüllten Riesen-„Halfpipe“ führt. Ein idealer Ausgangspunkt, denn die Halfpipe leitet gerade hinauf zum Kraterrand.

Durch die Halfpipe auf den Hasan Dag

In der Halfpipe ist es anfangs sehr heiß, unser Heinz reißt sich deshalb die lange U vom Leibe (um das Ausziehen der Schuhe zu vermeiden). Diese neuartige Art des Kleiderablegens bringt ihm etliches Gelächter ein, vor allem weil sich die Vermutung aufdrängt, dass es sich um ein ziemlich altes Modell gehandelt haben muss, eine neuere lange Unterhose hätte sich sicherlich nicht einfach zerreißen lassen. Nach ein paar hundert Höhenmeter kommt etwas Wind auf, wir führen unsere Aufstiegsroute nach links halb um den Berg herum. Nur Wolfi, Albin und Luis wählen die direkte Variante, die steile Nordrinne. Als wir nach knapp drei Stunden den Kraterrand betreten, tauchen – wie ausgemacht – zur gleichen Zeit die anderen auf der gegenüberliegenden Seite auf – alles in Wettersteinerhand. Den Gipfel bildet dann eine Erhebung am südlichen Ende des längst  verstummten Kraters. Großes Hallo, die Stimmung ist angesichts der gelungenen Besteigung super, der als letzter eintreffende Heinz wird mit der „Welle“ von den Kameraden empfangen. Die Abfahrt ist nicht gerade flach und anfangs bockhart, doch im unteren Teil, nachdem wir wieder in unsere Riesenhalfpipe hineingequert sind, wandeln sich die Schneeverhältnisse zum besten und wir schmieren geradewegs zum Bus hinunter, wo uns Esat mit schneegekühltem Bier empfängt. Herz, was willst du mehr!

Nach einer Stärkung bei Fisch, Hendlflügerln und Efes-Bier auf einer sonnenbeschienenen Dachterrasse in Helvadere, dem Dorf am Fuße unseres Berges, fahren wir wieder nach Ilhara in unsere Pension, wo heute – auf unseren Wunsch – ein Lamm gegrillt werden sollte. Leider missglückt die Grillerei – das ganze ist eher eine Lamm-Verkohlung.

Tags darauf geht’s weiter zum dritten Gebirge, das wir besuchen wollen, zur Aladaglar-Gruppe, einer Kette im Taurus-Gebirge mit über 3.700 m hohen Gipfeln. Nach einer längeren Fahrt durch sehr karge und ärmliche Gebiete treffen wir in Demirkazik am Fuße der Aladaglar ein. In der dort befindlichen Mountain-Lodge kommen wir bestens unter. Wieder ist es notwendig, die für den nächsten Tag geplante Schitour zu erkunden.

Abschlusstour im Aladaglar Gebirge

Auf Anraten des Wirts unternehmen wir eine Tour im wildromatischen Emli-Tal, in das uns Esat gekonnt mit seinem Bus über einen grobschottrigen Fahrweg chauffiert. Das Tal ist ein echtes Naturjuwel – grüner Wald im Talboden, darüber steile Kalkberge mit schneegefüllten Karen, und weit und breit kein Mensch. Leider Gottes können wir diesmal das geplante Ziel, den Alaca-Gipfel mit über 3.500m aufgrund eines Orientierungsfehlers nicht errechen.

Der letzte Tag beginnt mit der dreistündigen Rückreise nach Kayseri, wir logieren dort wieder im Hotel Almer. Nachmittags besichtigen wir den überdachten Basar, wo es nicht leicht fällt, alle ihre Dienste anbietenden „Stadtführer“ und Teppichverkäufer abzuwimmeln. Zum Ausklang dinieren wir auf Einladung unseres Busfahrers Esat in einem typisch türkischen Lokal mit „Tiroler Abend“, bei der Zeche muss unser Reisekassier Heinz allerdings hart nachverhandeln, weil man uns kräftig übers Ohr hauen wollte. Aber wer schon einige Milliarden türkische Lire umgesetzt hat wie Heinz, dem kann man eben nichts mehr vormachen.

Beladen mit 20 Wettersteinern voller neuer Eindrücke und großartiger Erlebnisse hebt die tägliche Boeing 737 von Turkish Airlines tags darauf in der Früh wieder vom Flughafen Kayseri Richtung Istanbul ab, um die kostbare Fracht von den großartigen Schitourengebieten unter dem türkischen Halbmond wieder zurück zu ihren Wurzeln, dem Sellraintal, Stubai und Karwendel zu befördern – wo es ja bekanntlich auch sehr schön ist.

 

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