In der Bucht von Olbia
Am Weg nach La Caletta
Keine Traurigkeit kommt auf
Grotta Blu Marino
Sprung ins Wasser
Aguglia Goloritze
Aguglia Goloritze
Aguglia Goloritze
Aguglia Goloritze
Gorropu
Surtana
Bei Angelo
La Poltrona
La Poltrona
Die Mannschaft

Segel-Klettertörn Sardinien 2013

Helmut Aschauer

 

Der Plan

„Der schwierigste Normalweg Italiens“ – diese Aussage bedeutet für einen ambitionierten Durchschnittskletterer Reizpotenzial und erweckt in ihm den dringenden Wunsch, eben diesem Berg mit dem angeblich schwierigsten Normalweg Italiens auf‘s Haupt zu steigen. So erging es auch mir, als ich vor etlichen Jahren mit meiner Familie in Sardinien Urlaub machte. Die Rede ist vom Normalweg auf die Aguglia Goloritze, einer 150 m hohen Felsnadel an der Ostküste Sardiniens, die direkt in einer Traumbucht mit türkisblauem Wasser, grauen Felsen und weißem Strand steht. Die klettertechnischen Schwierigkeiten am Normalweg dieses perfekten Monolithen reichen bis zum französischen Grad 6b+ (= VII+). Er wurde erst anno 1982 vom den italienischen Kletterlegenden Manolo und Gogna erstbestiegen. Vom Land aus nur mit einem mühsamen Fußmarsch erreichbar, bietet sich idealerweise die Anreise mit einer Segelyacht über das Meer an.

 

Start in Olbia

Mit Mäx, Marius, Joe, Seppl, Bernhard und mir haben sich 6 Kameraden gefunden, die sowohl Spaß am Segeln wie auch am Klettern haben. Und so fliegen wir am 21.9.2013 von Verona nach Olbia, um in der dortigen Marina die Segelyacht „Capitana“ zu besteigen. Mäx übernimmt – wie schon bei vergangenen Segeltörns bestens bewährt – das Kommando als Skipper. Die restliche Mannschaft bekommt ihre Aufgaben zugewiesen. Bei der Probeausfahrt in die Bucht von Olbia stellt sich bereits heraus, dass wir eine bestens funktionierende Seemannschaft sind.

Tags darauf geht’s richtig los, das erste Ziel heißt La Caletta, 30 Seemeilen südlich von Olbia. Wir haben nicht nur mit der Sonne Glück, auch der Wind kommt von achtern, so segeln wir mit bis zu 7,8 Knoten unserem Tagesziel entgegen. Die Anlegemanöver sind für Sonntagssegler wie uns immer spannend, ich brauche als Rudergänger in La Caletta 2 Versuche und alle Kameraden zum Abstützen, bis wir endlich sicher an der Mole liegen.

Das Abendessen nehmen wir in einem nahen Restaurant gemeinsam mit Ulli und Albin zu uns, die Sardinien gerade mit dem Motorrad bereisen ‑ großes Hallo! Im Restaurant lernen wir anschaulich den Unterschied zwischen den italienischen Begriffen „ricci“ und „ricchi“ kennen: In der Meinung „ricci di mare“ wären Reichtümer des Meeres bekommen Marius und Bernhard stattdessen Seeigel, deren Hauptgeschmacksrichtung in der Mitte zwischen Hafenbecken und Kloake angesiedelt ist.

 

Grotta Blu Marino

Obwohl wir vor dem Ablegen in Olbia Bier gebunkert haben, sieht der Vorrat nach 1 Segeltag bereits etwas mager aus. Netterweise holen Ulli und Albin mit ihrem Motorrad am nächsten Morgen für uns Nachschub für die kommenden Tage. Nach einem super Frühstück, das uns Bernhard wie auch in den nächsten Tagen mit Schinken und Spiegelei zubereitet, legen wir ab Richtung Cala Gonone, wiederum ca. 25 Seemeilen nach Süden. Da wir mit gutem Wind wieder flott vorankommen, beschließen wir, der etwas südlich von Cala Gonone gelegenen „Grotta Blu Marino“ einen Besuch abzustatten. Es handelt sich dabei um eine nur vom Meer aus zugängliche Höhle, die mit einem Boot befahren werden kann. Der Anker fällt ca. 200 m vor der Küste, dann machen sich Seppl, Bernhard und ich als erste Mannschaft mit dem Beiboot auf, um die Höhle zu erkunden. Das quer über den Eingang gespannte Seil mit dem Hinweis „Divieto l’accesso“ wollen wir nicht verstehen, wir stellen den Außenborder ab und rudern in den Berg hinein. Dank Seppls ausgezeichneter Lampe können wir an allen Untiefen vorbeirudern, bald befinden wir uns in beeindruckender Dunkelheit und Stille mitten in der Höhe, ein spannendes Erlebnis. Nach einigen 100 m wird’s uns doch etwas mulmig, wir machen kehrt und rudern wieder zurück ans Tageslicht. Die zweite Partie mit Mäx, Joe und Marius hat weniger Glück, ein einheimischer Bootsführer lässt sie nicht in die Höhle hinein. Der Abend in Cala Gonone wird wieder ausgiebig bei Speis und Trank genossen.

 

Cala Fuili

Der nächste Tag steht bereits im Zeichen des Kletterns, wir ankern in der Cala Fuili, wo sich etliche Sportklettermöglichkeiten befinden. Leider ist es sehr heiß, so kann kein richtiger Klettergenuss aufkommen. Am Nachmittag fahren wir dann noch ca. 15 Seemeilen nach Süden, wo sich das anfangs erwähnte Kletterziel befindet. Schon von weitem können wir die elegante Aguglia Goloritze ausmachen, je näher wir kommen, desto beeindruckender sieht sie aus. Wir ankern in der karibisch anmutenden Bucht direkt unter der Aguglia und verbringen einen stimmungsvollen Abend mit von Seppl ausgezeichnet zubereiteten Nudeln, Rotwein und Sternenhimmel.

 

Aguglia Goloritze

Tags darauf, es ist bereits unser 4. Tag auf See, wird‘s ernst: Seppl bringt uns 4 Kletterer (Mäx, Marius, Bernhard und mich) mit dem Beiboot zum Strand. Wir sind schwer beladen mit Kletterzeug, heute ist die ganze Trickkiste dabei. Vom Strand aus erreichen wir in 5 Minuten den Einstieg. Unsere Route, heißt „Easy Gymnopedie“. Wikipedia sagt zu Gymnopedie: antikes griechisches Fest, die „nackten Knabenspiele“. Also können wir uns auf „leichte nackte Knabenspiele“ einstellen. Ganz nackt gehen wir Knaben es aber nicht an, kurze Hose und T-Shirt sind dabei.

Die erste Seillänge verläuft noch gemäßigt im 6. Grad, bald sind alle am ersten Stand. Nun heißt es, sich ernsthaft mit dem Thema VII+ zu befassen, denn die Schlüsselstelle wartet in der zweiten Seillänge auf uns. Sie lässt sich dank zweier Bohrhaken auch technisch bewältigen. Jetzt ist für uns Durchschnittskletterer der Weg nach oben frei. Die restlichen drei Seillängen sind noch recht anspruchsvoll (bis VII-), aber im Verhältnis zur Schlüssellänge doch schon fast Genuss. Der bombenfeste Kalk ist zwar steil, aber immer wieder von schönen Risse und Henkeln durchzogen. Nach ca. zweieinhalb Stunden stehen wir alle vier auf der 2 m² großen Gipfelfläche. Joe und Seppl, die am Boot geblieben sind, applaudieren, und dann stimmen auch noch die ca. 50 Badegäste am Strand in den Applaus ein. Wir fühlen uns wie Helden. Es ist unglaublich beeindruckend hier oben, rings herum Abgrund, unten das türkisblaue Meer, in das die schlanke Aguglia ihren eigenen Schatten wirft. Ein großer Moment für uns vier!

Dank bestens eingerichteter Bohrhakenstände rauschen wir abseilender Weise 3 x 50 m zurück zum Einstieg, steigen ab zum Strand, wo uns Seppl mit dem Beiboot abholt. Jetzt erst können wir unseren Klettererfolg richtig genießen. Das erste Bier am Schiff zischt gerade so hinunter. Noch am Nachmittag fahren wir zurück in den Hafen von Cala Gonone und können diesen großen Tag bei einem Abendessen mit Calamari und anderen Köstlichkeiten genüsslich ausklingen lassen.

 

Gorropu und Surtana

Für den nächsten Tag haben wir einen „Landgang“ geplant, wir fahren mit einem Taxi ca. 15 km ins Landesinnere zur Gorropu-Schlucht. Hier haben sowohl Wanderer wie auch Kletterer Möglich­keiten zur Betätigung. Um die Gorropu-Schlucht zu erreichen, muss man allerdings zuerst einen Fußmarsch von 6 km bewältigen. Joe, Seppl und Mäx ist dieser Marsch zu lang, sie verbringen den Tag an den nahen herrlichen Gumpen mit glasklarem Wasser. Marius, Bernhard und ich steigen ca. 45 min auf zum Klettergebiet „Surtana“, wo wir eine Gruppe ortskundiger Südtiroler treffen. Die empfehlen uns die 5-Seillängen-Tour „Sound of Silence“, die wir mit ein paar kleinen Abweichungen genussvoll klettern. Es ist sehr abgeschieden und herrlich ruhig hier oben, der Fels wiederum traumhaft bei bester Absicherung. Nach einer rasanten Abseilfahrt steigen wir ab ins Tal und rufen unsere drei Kameraden zwecks Treffpunkt an.

 

Im Paradies bei Angelo

Sie sagen nur: Folgt dem Schild „Vino e Formaggio“ und ihr findet ins Paradies! Tatsächlich erreichen wir nach wenigen Minuten eine Art „Alm“, wo die drei mit einem ausgesprochen gastfreundlichen Weinbauern und weiteren Sarden bei hausgemachtem Wein, Rohschinken und Käse sitzen und sich‘s gutgehen lassen. Auch wir bekommen sogleich diese Köstlichkeiten serviert, es ist nur herrlich. Etliche Flaschen dieses ausgezeichneten Rotweins werden geleert, keiner will mehr aufstehen. Um 17 Uhr rufe ich dann doch unseren Taxifahrer an, um uns abholen zu lassen. Dieser teilt mir leicht verstimmt mit, dass er bereits über eine Stunde auf uns am Treffpunkt wartet. Wir bitten ihn, uns hier bei der „Alm“ abzuholen, ein weiterer Aufschub ist nun nicht mehr möglich. Der Fahrer hat’s ziemlich eilig und zeigt uns, zuerst auf Schotter, dann auf Asphalt, was er mit seinem Landrover alles drauf hat. In kürzester Zeit sind wir zurück in Cala Gonone.

Heute ist Donnerstag, also Zeit für den Vereinsabend. Und zwar für einen ökumenischen, sind ja mit Bernhard und mir sowohl der Solsteiner- wie auch der Wettersteiner-Präsident anwesend. Beim „offiziellen“ Teil blicken wir auf die schönen Segel- und Klettertage zurück, Pläne für weitere gemein­same Ziele, wie die Besteigung des Elbrus, werden geschmiedet.

 

La Poltrona

Am nächsten Tag statten wir noch dem nahegelegenen Klettergebiet La Poltrona einen Besuch ab. Hier hat der große Heinz Mariacher mit seiner Tour „Deutsch Wall“ seine Spuren hinterlassen. Diese schnurgerade Linie über einen Plattenpanzer müssen Marius und ich trotz der Schwierigkeitsangabe von 6c (VII+ bis VIII-) versuchen. Die ersten beiden Seillängen sind noch locker machbar, die Schlüssellänge erfordert herzhaftes Hinausklettern über die Haken auf winzigen Unebenheiten, immer nahe der Sturzgrenze. Ich denke nach den steilsten 30 m schon, dass ich es geschafft habe, aber die letzten 10 m sind trotz nachlassender Steilheit derart glatt, dass ich aufgeben muss. Auch Marius probiert‘s noch, aber wir müssen schließlich vor Heinz Mariacher den Hut ziehen, das übersteigt einfach unser Kletterkönnen. Mäx und Bernhard machen derweil im rechten Wandteil eine schöne Plattenroute.

 

Rückreise nach Norden

Die beiden nächsten Tage verbringen wir wieder auf See, das Wetter ist nach wie vor ideal, auch der Wind weiß jetzt offenbar, dass wir nach Norden wollen und bläst gemächlich aus Süd. Mit einem Zwischenstopp in La Caletta segeln wir, oft nur mit der Genua, gemütlich auf die markante Insel Tavolara zu. Zwischen Insel und Festland frischt der Wind auf einmal ziemlich auf, wir haben Mühe, die Genua zu bergen. Bei 7 Beaufort sind wir froh, bald die Bucht von Olbia zu erreichen, wo wir der markierten Fahrwasserrinne entlang auf unsere Marina zusteuern.

Das Anlagemanöver klappt jetzt schon wie am Schnürchen, unser Käpt’n Mäx steuert die Yacht profimäßig zum Liegeplatz an der Mole.

Acht Tage Segeln sind somit beendet, alles hat dank einer großartigen Mannschaft vom Kapitän abwärts hervorragend geklappt, ohne Unfall und ohne Schaden. Heute haben wir noch die restlichen Lebensmittel und Getränke zu verbrauchen. Seppl bekocht uns wieder bestens mit Nudeln, gemeinsam werden die Bier- und Weinreserven geleert.

Nach einer weiteren Nacht in Olbia – wir müssen auf unseren Rückflug einen Tag warten – geht’s zurück in den kalten Norden. Die kurze Hose muss bei der Ankunft in Verona schnell gegen die lange getauscht werden, auch eine Jacke wird jetzt benötigt. Nach 3 weiteren Stunden Autobahn legen wir in Innsbruck an, eine großartige Abenteuerfahrt ist wieder einmal zu Ende, heute freuen sich alle auf ihre Liebsten zu Hause! Doch ganz im Innersten reifen schon wieder Ideen für weitere Vorhaben …....

 

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