Bilder:

Am Illiampu 6320 m
Huayna Potosi

1. Andenfahrt der HG Wettersteiner Peru-Bolivien 1978

Hermann Buratti

Großer Bahnhof: Die Vereinsführung, voran der Vizepräsident, der Schriftwart, diverse „gemeine Mitglieder“, Mütter, Schwestern und natürlich auch Gattinnen sind zu unserer Verabschiedung gekommen. Von Innsbruck geht es mit dem Zug nach Zürich und von dort mit einer Charter DC 8 der Bal-Air über Lissabon-Barbados nach Lima.

Lima-Huancayo: Zwei Tage Lima, dann fahren wir mit dem Zug über den Ciclia-Pass (4781m) nach Huancayo. Der Dottore saust hier (auf Mont Blanc Höhe) mit einem Sauerstoffbeutel, der stark an einen Dudelsack erinnert, durch die Waggons, um die nach Luft japsenden Reisenden zu bedienen.

In Huancayo leben fast nur Indios. Das Teuerste auf der Speisekarte: ca. 15 Schilling. In einem miesen Hotel geschlafen. Am nächsten Tag mieten wir einen Bus mit Schofför. Eine großartige Fahrt führt uns, immer in Höhen von 3500m bis 4500m, meist den Bergkämmen entlang, nach Ajacucho. Das Land ist bis in große Höhen bebaut aber wenig besiedelt.

Ajacucho-Cuzco: 35 Stunden mit dem Bus, es sei aber gar nicht sicher, ob er dort überhaupt ankommt! Wir entschließen uns daher für das Flugzeug. Ein herrlicher Flug, aber leider total zerkratzte Scheiben. Nach einer Stunde landen wir in Cuzco, der ehemaligen Hauptstadt des Inka-Reiches. Besichtigung der Stadt, der Ruinen von Pisac und der Festung Sacsayhuaman. Einmalig sind diese Inka-Mauern. Wie ein Puzzlespiel passen die tonnenschweren Granitbrocken zusammen und sind übrigens, was die alten Inkas bestimmt nicht wussten, ein ganz toller Klettergarten. Machu Pichhu ist nur mit dem Zug, durch das wilde Tal des Urubamba, erreichbar, und wir besichtigen diese Inka-Stadt, die von den spanischen Eroberern nie entdeckt wurde. Dort machen wir auch unseren ersten „Andengipfel“, den Huayna Picchu, 2700m, einen vom Dschungel überwucherten Granitberg, der die ganze Stadt überragt.

Cuzco-Puno am Titicaca-See-La Paz: Wieder mit dem Zug eine Tagesstrecke und abermals eine Reise durch “viel Gegend”, hinein in das steppenartige Hochland des Titicaca-Sees.

Puno: Der Zug fährt hier auf der Straße, wie bei uns die Straßenbahn, mitten durch ein Gewimmel von Indios, die auf dem Boden hocken und da ihre Benzinkocher-Restaurants oder Marktstandeln aufgebaut haben. Am nächsten Morgen fahren wir mit einem Fischkutter zu den Urus auf den See hinaus. Dieses Volk fristet hier auf den „schwimmenden Schilfinseln“ ein karges Dasein, lebt von Fischfang und von den fotografierenden Touristen, den Gringos. Der Himmel war fast wolkenlos, vom Boot aus sehen wir in der Ferne die weißen Sechstausender der Cordillera Real glänzen. Für die Weiterfahrt nach La Paz mieten wir zwei Taxis.

La Paz: Bedingt durch das Wochenende und die komplizierte Zollabfertigung erhalten wir unsere Bergausrüstung erst nach fünft Tagen ausgefolgt. Die Wartezeit nutzen wir zu einem Ausflug auf den Chacaltaya, dem höchsten Skigebiet der Welt. Der Schlepplift geht hier von 4800m auf 5100m und gehört dem Club Andino Boliviano. Wir besteigen den Gipfel, 5300m, und lassen uns den Aufstieg auf den benachbarten Huayna Potosi, 6010m, erklären.

Von La Paz aus fahren wir dann mit dem Taxi zum Zongo-Paß, ca. 4200m, dann beginnt das große „Buckeln“. Der Rucksack war gemein schwer, und wir bewegen uns tatsächlich im Schneckentempo. Auf einer Schneekuppe in 4900m Höhe verankern wir unsere Zelte, die uns Sport Otti Wiedmann zur Verfügung stellte, und beginnen mit dem Kochen. Es gibt Erbswurstsuppe und Coca-Tee, der gegen Soroche, der gefürchteten Höhenkrankheit, helfen soll. Das Wetter ist sehr gut, die Temperatur nachts ca. 15 Grad minus.

Viel zu spät krochen wir aus unseren warmen Schlafsäcken und genießen einen wunderbaren Sonnenaufgang. Der Aufstieg auf unseren Berg war problemlos, nur die Luft wurde merklich dünner. Erst um 15 Uhr waren wir alle sieben auf dem Gipfel des Huayna Potosi. Die Aussicht hier oben ist grandios, als Blickfang steht der Illimani mit 6400m da, der Hausberg von La Paz. Auf der anderen Seite des Altiplano können wir noch deutlich den höchsten Berg Boliviens, den Sajama (6580m), erkennen. Im Norden erstreckt sich die Königskordillere, mit unserem nächsten Ziel, dem Illiampu (6380m). Im Osten wogt ein endloses Wolkenmeer über den Dschungeln des Rio Beni, einem Quellfluss des Amazonas. Wir lassen noch lautstark unseren Peter „leben“, er hat heute seinen 40er, und das auf einem Sechstausender, wohl ein stolzer Tag für einen Bergsteiger. Viel zu spät beginnen wir mit dem Abstieg und erreichen bei Dunkelheit die Zelte.

La Paz-Sorata: Mit Autostopp kehren wir nach La Paz zurück und am folgenden Tag geht es schon nach Sorata. Am Nordende der Cordillera Real auf 2700m gelegen, ist dieses Städtchen die Hauptstadt der Provinz Larecaja. Die Fahrt mit dem Indiobus dorthin war ein Abenteuer – der Bus brauchte sechs Stunden und das Ticket kostete ca. 20 Schilling.

Sorata: Bei einem Deutsch-Bolivianer sind wir sehr gut untergebracht. Senor Fernholz besitzt ein Lebensmittelgeschäft und ein Hotel. Das Haus hat, wie auch die ganze Stadt, schon bessere Zeiten gesehen. Früher war hier ein bedeutender Umschlagplatz für Produkte aus dem Urwald: Kautschuk, Gold, China-Rinde usw. Da gab es auch noch ein E-Werk, aber die Lichtmaschine wurde defekt und Kerzen geben auch gutes Licht – Bueno!

Senor Ernesto Meier, ein hier ansässiger Kärntner, bringt uns auf der Ladefläche seines LKW’s, Marke International, Baujahr 1934, nach Ancoma, einem Indiodorf am Fuße des Pico del Norte (6010m). Wir überwinden einen 4900m hohen Passübergang und sind begeistert vom Anblick des Illampuu (6380m) und seinem Nachbarberg, dem Ancohuma (6480m).

Ancoma: Wir verhandeln mit einheimischen Trägern und frühmorgens schleppen sie unsere 20-kg Rucksäcke in unglaublichem Tempo auf das Lager I, das wir auf einer sumpfigen Wiese auf ca. 4500m aufbauen. Vorher gibt es noch den obligaten Trägerstreik, Bauchweh einzelner Träger usw. Da ich Mechaniker bin, wurde ich von meinen Kollegen zum „Doktor“ befördert und musste die Träger wie auch meine Kameraden „ärztlich betreuen“. Ich war sehr erfolgreich, sie leben alle noch. Doch oben erwischte es mich: Soroche sagen die Indios. Ich bekam einfach zu wenig Luft, musste mich hinlegen und verbringe den restlichen Tag mit Kopfweh und „Schnaufen“ im Zelt.

Hochlager 5500m: Gott sei Dank geht es mir am nächsten Tag wieder gut und wir errichten das Lager II auf 5500m, am Fuße einer 300m hohen Eiswand. Die Nacht war wieder sehr kalt, der Himmel wolkenlos. Die Eiswand ist hart und griffig, an ihrem Ende am Grat kam endlich die wärmende Sonne. Kurze Rast, dann weiter über die steile, gratartige Flanke auf den Gipfelgrat, ganz schön anstrengend ist da oben das Steigen. Während der notwendigen Verschnaufpausen genießen wir das einmalige Panorama. Vor uns die weiße Kuppel des Ancohuma, im endlosen Braun des Altiplano eingebettet der blaue Titicaca See mit seinen Inseln, ganz am Horizont der Sajama, 380km entfernt. Unter uns im Grün die Stadt Sorata. Stolz stehen wir fünf Wettersteiner und unsere zwei Südtiroler Freunde von der HG Brixen auf unserem zweiten Sechstausender!

Und das Fazit einer solchen Reise: die Erinnerung an ein großes Erlebnis und die Genugtuung, dass man auch ohne großen Aufwand, sozusagen als Normalbergsteiger, mit Freunden einen Sechstausender, oder mehrere, machen kann!

Berg Heil!

 

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