Kenia 2010 - Mount Kenya

..... eine Bergreise zum schönsten Vulkan der Erde

Aschauer Helmut, Feber 2010

Wir trauen unseren Augen nicht, als wir am 15. Februar 2010 um 05:45 schwer bepackt die Abflugshalle des Innsbrucker Flughafens betreten: Etwa 10 Wettersteiner-Kameraden haben sich eingefunden, um uns – Joe, Marius, Mäx, Rainer, Bernhard und mich – zu unserer Mount-Kenya-Reise zu verabschieden. Nach einem Gläschen Sekt und gut ausgestattet mit Glückwünschen steigen wir in die Dash 8 und fliegen über Wien und Istanbul nach Nairobi, wo wir ca. 20 Stunden später – wiederum zu früher Morgenstund’ – eintreffen.

Dort erwartet uns bereits Rose von der Reise- und Safariagentur SOMAK mit einem Toyota-Kleinbus und bringt uns in die nahe gelegene Lounge des Unternehmens, wo wir die Stunden bis zum Tagesanbruch bequem verbringen können und auch ein kleines Frühstück bekommen.

Punkt 7 Uhr beginnt die Fahrt zum Ausgangspunkt für unsere Mt. Kenya Tour - dem Ort Chogoria an der Ostseite des Berges. Für die ca. 240 km dorthin benötigen wir 5 Stunden, zuerst quälen wir uns durch die morgentliche Rushhour von Nairobi, anschließend geht es lange durch die schmutzigen Vororte hinaus, bis wir schließlich die Stadt hinter uns lassen und, begleitet von Weizenfeldern, Äckern und Teeplantagen, unseren Zielort Chogoria erreichen. Beim örtlichen Krankenhaus empfängt uns Elias mit seiner Mannschaft vom „Mt. Kenya Guides and Porters Safari Club“. Diese selbst organisierte, u.a. von der Uni Innsbruck unterstützte Gemeinschaft von Führern, Trägern und Köchen, erhält die von den Kunden bezahlten Kosten direkt, ohne den üblichen Umweg über große Organisationen.

Wir verstehen uns auf Anhieb ausgezeichnet mit der Mannschaft, die aus insgesamt 13 Personen besteht: Dem Capo Elias, dem Koch Agostino mit zwei Helfern, und weiteren 10 Trägern. Mit 2 klapprigen, aber funktionstüchtigen Landrovern geht die Fahrt nun über eine 29 km lange, sehr holprige Lehmstraße hinauf zum Chogoria-Gate des Mt. Kenya Nationalparks auf eine Höhe von 2.950 m. Dort befinden sich auch die sogenannten Meru-Bandas, Holzhütten mit Betten (sogar mit Leintuch und Wolldecke), auf denen wir nun unsere erste Nacht in Kenia einmal richtig schlafen können.

Der Morgen empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein, in der Ferne können wir bereits die Hauptgipfel des Mount Kenya, Nelion und Batian, ausmachen. Diese beiden und weitere turmartige Erhebungen im Zentrum des Massivs sind die aus harten Gesteinen bestehenden Reste des ehemaligen Vulkanschlotes, der einst eine Höhe von über 7.000 m erreicht haben soll.

Unsere Träger verteilen nun die Lasten, sie tragen neben unserer Ausrüstung auch die Zelte, die mobile Küchenausstattung, die gesamte Verpflegung und ihre eigenen Gegenstände, da kommt einiges zusammen. Wie eine Großexpedition ziehen wir kurze Zeit später los, unsere Truppe zählt insgesamt 19 Mann. Die erste Tagesetappe haben wir bewusst kurz gewählt, um uns an die Höhe anpassen zu können – und so schlagen wir bereits zu Mittag wieder ein Lager auf 3.300 m Höhe, beim „Roadhead“ auf. Kaum angekommen, zeigt uns der Mount Kenya zum ersten Mal seine nasse Seite, starker Regen lässt uns blitzartig die Pelerinen herausholen. Es dauert einige Stunden, bis sich das Wetter bessert. Aus der nachmittäglichen Wanderung zu den romantischen Nithi-Falls wird leider nichts mehr, der Tropenregen hat einen Bach derart anschwellen lassen, dass wir ihn nicht mehr überqueren können.

Beim Abendessen überzeugt uns Koch Agostino erstmals von seinen grenzenlosen Künsten, wir staunen gerade so, was er mit seinen drei Benzinkochern hervorzaubern kann: Suppe, Hendl, Gemüse, Kartoffel, dazu frisches Fladenbrot und als Nachtisch tropische Früchte. Wer geglaubt hat, dass er am Mt. Kenya abnimmt, der irrt! Das Dinner ist ein Gedicht. Nach dem Abendessen stehen wir ums Lagerfeuer und singen, zusammen mit einigen Trägern, abwechselnd Tiroler, englische und Keniatische Lieder, ein Multi-Kulti-Liederabend von Feinsten!

Die zweite Trekkingetappe ist schon um einiges länger und führt uns am Rand des Gorges-Valley entlang zur Mintos Hut auf 4.300 m. Der Aufstieg ist wildromantisch, man genießt dabei Tiefblicke über senkrechte Felsabbrüche, traumhafte Seen und Wasserfälle. Im Hintergrund ist dabei immer der Mount Kenya zu sehen. Wiederum spielt das Wetter das gleiche Stück wie am Vortag, zu Mittag beginnt es für mehrere Stunden ununterbrochen zu schütten. Wir können gerade noch den offenen Unterschlupf der Mintos Hut erreichen, die etwas später ankommenden Träger werden „waschelnass“. In einer kurzen Regenpause am Nachmittag werden die Zelte aufgestellt, danach geht das gleichmäßige Tropfen jedoch fast die ganze Nacht weiter. Als wir am Morgen aufwachen, sind die Berggipfel ab einer Höhe von etwa 4.600 m schneeweiß, erste Zweifel an der Durchführbarkeit unseres Vorhabens, der Besteigung zumindest eines der Hauptgipfel, kommen auf.

Dabei ist der Februar normalerweise hier ein trockener Monat, aber darauf kann man sich eben nicht verlassen. Was soll’s, „weiter“ lautet unsere Devise. Wir brechen auf, marschieren über von verschiedenen Lobelienarten bewachsene Flächen Richtung Point Lenana, dem „Trekkinggipfel“ des Mount Kenya. Beim Simba Tarn, einem der unzähligen Seen, beginnt der Schnee und so stapfen wir die letzten 300 Höhenmeter zum 4.985 m hohen Gipfel. Auch Elias, der Chef unserer Begleitmannschaft, hat es sich nicht nehmen lassen, mitzukommen.

Wir sieben reichen uns - erfreut über den ersten Gipfelerfolg - die Hände zum Berg Heil. Der Blick hinüber zum Nelion wird frei, es kommt wieder etwas Hoffnung auf, doch dort hinaufklettern zu können. Der Abstieg zur Austrian Hut (4.790 m) verläuft problemlos, dort beziehen wir unser Nachtlager. Diese Hütte, errichtet mit Unterstützung des Österreichischen Alpenvereins, ist eine komfortable Selbstversorgerhütte, unsere Küchenmannschaft verwöhnt uns hier aufs Neue. Der Nachmittag ist wie bereits gewohnt verregnet, trotzdem planen wir einen Gipfelsturm für den nächsten Morgen. Dabei werden wir uns wie geplant trennen: Joe und Rainer, die nicht klettern, werden den Gipfel umrunden, während Bernhard, Mäx, Marius und ich die 16 Seillängen durch die Südostwand des Nelion (und vielleicht den Übergang zum Batian) in Angriff nehmen wollen. Da wir die Wetterkapriolen bereits kennen, lautet unsere Taktik: der erste Vormittag dient für den Aufstieg, dann heißt es 18 Stunden „Abwettern“ in der winzigen Alu-Biwakschachtel „Howell Hut“ am Nelion-Gipfel (5.188 m), und am darauf folgenden Tag werden wir den hoffentlich niederschlagsfreien Vormittag zum Abseilen nutzen. Für den geplanten „Hüttenabend“ am Biwak packen wir neben der Kletter- und Eisausrüstung auch unsere Schlafsäcke, einen Kocher, Spielkarten und eine kleine Flasche Whisky ein.

Um 04:30 klingelt der Wecker, das alpine Abenteuer beginnt: Wir verlassen bereits mit Steigeisen die Hütte, überqueren den Lewis Glacier hinüber zum Wandfuß. Nach dem lästigen Schotter- und Schrofenvorbau stehen wird bei Tagesanbruch am Einstieg. Leider sind drei Norweger mit einem einheimischen Bergführer bereits da und klettern gerade los. Da diese aber ohnehin nicht bis zum Gipfel steigen wollen, lassen sie uns in der dritten Seillänge überholen. Relativ flott, wenn auch manchmal unter heftigem Atmen, gelangen wir zum verfallenen Baillie’s Bivy auf ca. 5.000 m. Dort müssen wir über einen Grat in die verschneite Südseite wechseln. Über schneebedeckte Felsen queren wir zum Fuße der Schlüsselseillänge, der De Graaf’s Variation. Diese senkrechte, etwa 30 m hohe Rissverschneidung - bei trockenen Verhältnissen sicherlich reine Genusskletterei im oberen 4. Grad – ist heute im Verschneidungsgrund teils vereist und verschneit, an den Seitenwänden finden sich jedoch genügend trockene Stellen zum Höherspreizen. Einige geschlagene Haken und Risse, die Klemmkeile bereitwillig aufnehmen, bieten ausreichend Sicherheit, bald sind alle vier heroben.

Weiter geht’s nach rechts in die Ausstiegsrisse und –rinnen, längst hat schon wieder der übliche Schneefall eingesetzt. Erschöpft aber zufrieden und mit platschnassen Seilen erreichen wir den Gipfel des Nelion und kriechen sogleich in die etwa 80 cm hohe Howell Hut.

Die Grundfläche dieser Biwakschachtel misst etwa 2,5 x 2 m, für 4 Erwachsene also ein recht kuscheliges Nest. Nach einer Erholungsphase beginnen wir es uns so bequem wie möglich einzurichten, sowohl der Tiroler Speck als auch die französische Knoblauchsuppe munden hervorragend. Als Digestif eignet sich der mitgebrachte Whisky ebenfalls vorzüglich, der Nachmittag wird mit fröhlichem „Schnellen“ verbracht. Draußen ist nur das gleichmäßige Fallen der Schneeflocken zu sehen, da geht kein Hund vor die Tür.

Erst am späten Nachmittag lichtet sich der Nebel ein bisschen und gibt kurz den Blick zum Batian, dem 11 m höheren Zwillingsgipfel des Nelion, frei. Dieser ist durch das „Gate of Mists“ vom Nelion getrennt, an einen Übergang ist bei diesen Verhältnissen, noch dazu kurz vor der Dunkelheit, nicht zu denken. Wir sind alle sehr froh, bei diesem Wetter überhaupt hier herauf gekommen zu sein.

Bei einem abendlichen Funkgespräch können wir Joe und Rainer, die nach ihrer Umrundung bereits das Shipton’s Camp erreicht haben, mitteilen, dass uns der Aufstieg gut gelungen ist. Aber eine Tour ist bekanntlich erst zu Ende, wenn auch der Abstieg gut bewältigt worden ist, und dies trifft heute bei dieser Tour ganz besonders zu.

Die Biwaknacht verbringen wir mit wenig Schlaf. Leider geht es Bernhard nicht sehr gut, seine Atmung fängt an zu rasseln, ein Lungenödem beginnt sich auszubilden. Das bedeutet für den nächsten Morgen: Nix wie runter! Die vor einigen Jahren mit Klebebohrhaken eingerichtete Abseilpiste kommt uns da sehr gelegen, wir können alle Ringe auffinden und erreichen - schon wieder im strömenden Regen – am späten Vormittag den Wandfuß. Am Rückweg zur Austrian Hut kommen uns bereits zwei unserer Träger entgegen, sie sind sehr froh, uns wohlbehalten in Empfang nehmen zu können.

Nach einem Lunch mit Suppe und einer kurzen Rast brechen wir zum Shipton’s Camp auf, das mit 4.300 m deutlich tiefer als die Austrian Hut liegt und wo unsere beiden Freunde Joe und Rainer warten. Bernhard hat sich soweit erholt, dass er den Abstieg gut bewältigen kann.

Beim Ankommen werden wir von Joe, Rainer und der wartenden Mannschaft mit einer „Welle“, einem herzlichen Hallo und Gratulationen zum Gipfelerfolg empfangen. Zum Dinner gibt’s diesmal ein warmes Buffet – einfach köstlich!

Der Abstieg tags darauf entlang der Sirimon Route ist ziemlich eintönig, einziger Höhepunkt für uns ist das sogenannte „Judmaier Camp“. Es handelt sich um eine Wiese auf 3.300 m, bis zu der im Jahre 1970 unser Vereinskamerad Dr. Gert Judmaier nach seinem Absturz am Batian, seinem 7-tägigen Ausharren schwer verletzt in Gipfelnähe und seiner anschließenden Bergung getragen wurde. Wir bekommen am Judmaier Camp Wurstnudeln zum Lunch serviert und denken dabei an Gerts Odyssee.

Beim Sirimon-Gate verabschieden wir uns von unseren Mt. Kenya Guides and Porters, sie waren großartig, wir bedanken uns persönlich bei jedem einzelnen. Mit einem Kleinbus fahren wird hinunter in die Stadt Nanyuki, wo wir uns im „Nanyuki Sports Club“ von den Strapazen erholen wollen. Dieser im Jahre 1937 von britischen Soldaten erbaute Club übertrifft all unsere Erwartungen, er bietet im Angesicht des Mt. Kenya Entspannung und englisches Flair. Und das „Tusker“, das ausgezeichnete Keniatische Bier, ist zum Preis von umgerechnet einem Euro erhältlich – was wollen 5 Wettersteiner und 1 Solsteiner nach einer Bergtour zum Mt. Kenya mehr? Bei fröhlichem Kartenspiel  - unterbrochen durch Abkühlungen im nostalgisch anmutenden Pool – verbringen wir 2 erholsame Tage und erfreuen uns einfach unseres Daseins.

Den Rest dieser jetzt schon abenteuerlichen Reise nutzen wir für einen Besuch des Samburu Nationalparks, der allerdings eine mehrstündige Fahrt in den heißeren Norden des Landes erfordert. Über teils neu, teils nicht asphaltierte Straßen mit Riesenschlaglöchern fahren wir, vorbei an der Stadt Isiolo zu diesem Reservat, das inmitten einer Gras- und Buschsavanne liegt und vom Ewaso Nyiro River, dem „Fluss mit dem braunen Wasser“ durchzogen wird. Wir beziehen Station in der feinen Samburu Game Lodge direkt an diesem Fluss und staunen nicht schlecht, als wir schon von der Lodge aus Elefanten bei der Tränke zusehen können. Bei den beiden anschließenden „Game drives“, den Pirschfahrten,  können wir Giraffen, Zebras, Antilopen, Geparden, Löwen und Elefantenherden teils aus nächster Nähe beobachten und sind begeistert.

Einziger Wermutstropfen ist nur, dass man sich als Besucher nicht alleine im Reservat befindet.  Wenn ein Fahrer ein interessantes Tier entdeckt hat, teilt er dies über Funk mit und binnen kürzester Zeit bilden sich regelrechte Safari-Verkehrsstaus. Abends machen wir noch Bekanntschaft mit Krokodilen, die den Ewaso Nyiro River bevölkern.

Die Rückfahrt nach Nairobi unterbrechen wir für eine letzte Nacht in der Stadt Nyeri in kolonialistischen „Outspan Hotel“, das inmitten einer tropischen Parklandschaft liegt und - gutes Wetter vorausgesetzt – freien Blick auf den Mt. Kenya bietet. Wir lassen es uns hier noch einmal gut gehen, anschließend heißt es aber Aufbrechen Richtung Heimat. Nach einer wiederum langen Rückreise nach Nairobi besteigen wir die Maschine der Turkish Airlines und fliegen via Istanbul und Wien zurück nach Innsbruck. Dort empfangen uns unsere Angehörigen und einige Wettersteiner, die uns - nach zwei Wochen Spaß und Abenteuer in Kenia - herzlich in Empfang nimmt.

Einen großen Anteil an der Organisation und damit am guten Gelingen dieser Bergreise hat Fr. Verena Erhard, die uns an die großartigen Mt. Kenya Guides and Porters sowie an die Agentur SOMAK vermittelt und unsere Wünsche weitergeleitet hat. Auch ihre Empfehlungen betreffend das Après-Mount-Kenya-Programm waren perfekt! Ihr gilt unser besonderer Dank!

 

Helmut Aschauer

 

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